Zwischen 2000 und 2003 veranstaltete der 1996 gegründete Arbeitskreis Geschichte + Theorie drei Tagungen, die inhaltlich durch die Rahmenthemen
Raum und
Kommunikation verbunden waren. Einen Abschluss dieses Tagungszyklus stellt der im Jahr 2005 von Alexander C.T. Geppert, Uffa Jensen und Jörn Weinhold herausgegebene Sammelband
Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert dar. Grundanliegen des Sammelbandes ist es, Anstoß zu einer neuen Kommunikationsgeschichte zu geben, die den Aspekt
Raum verstärkt in den Mittelpunkt der Betrachtungen rücken soll. Denn, so die These, "Räume strukturieren Kommunikation, werden aber selbst erst kommunikativ geschaffen" (S. 28). Dies impliziert einen Raumbegriff, dem "keine Eigenständigkeit als erklärende Variable" (S. 19) mehr zukommt, sondern der als relativ, relational und dezidiert nicht-substantialistisch verstanden wird -
Raum ‚ist’ nicht,
Raum wird ‚gemacht’.
Darauf aufbauend, führen die Herausgeber überzeugend die "wechselseitige Durchdringung von Raum- und Kommunikationsstrukturen" (S. 29) anhand der Ausweitung moderner Transport- und Kommunikationsmittel wie etwa Eisenbahn und Auto bzw. Telegraph und Telefon vor. Die Etablierung neuer Raum- und Kommunikationsstrukturen zwischen 1840 und 1930 veränderte "immer schneller die Bedingungen, unter denen Individuen räumliche Bezüge herstellten" (S. 47). In den Gegensatzpaaren
Variabilität und
Standardisierung,
Exklusion und
Inklusion sowie
Utopisierung und
Verlusterfahrung sehen die Autoren die wichtigsten Charakteristika des Wandlungsprozesses. Das erste Gegensatzpaar bezeichnet die individuellen Anpassungsleistungen an die vielfältigen modernen Räume einerseits und die Etablierung bestimmter Verhaltensmuster zu vorgegebenen Räumen andererseits. Das zweite betont die Bedeutung des Raumes als Austragungsort sozialer Verhältnisse, und das dritte verweist auf eine Verlusterfahrung durch die Auflösung fester Raumvorstellungen, was wiederum die Schaffung von Raumutopien ermöglichte, die ihre "radikalste Ausformung im nationalsozialistischen Konzept des Lebensraums erhielt" (S. 45).
Die Anthologie gliedert sich in vier Hauptkapitel, in denen alltägliche und wissenschaftliche Raumkonzeptionen, Techniken kommunikativer Raumerschließung, urbane Topographien der Kommunikation und die Kommunikation ästhetisierter Räume behandelt werden.
Das erste Hauptkapitel wird von Alexander Mejstrik mit einem Beitrag zu "Raumvorstellungen in Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften" eröffnet. In Anlehnung an Gaston Bachelard möchte er ein epistomologisches Profil von Raumvorstellungen entwerfen. Ziel dieses Entwurfes ist es, "in einer
konkreten Untersuchung diskursive Klarheit und konstruktive Belegkraft zu erzeugen" (S. 56), um einer unsystematischen Rekurrierung auf "alle möglichen Raumkonzepte" (S. 58) entgegen zu wirken. Die Ausführungen Mejstriks sind äußerst anregend, lassen jedoch auf Grund des beengten Raumes einer Anthologie einige Fragen, besonders in Bezug auf die konkrete Anwendung des Modells, offen. So bleibt dem Leser nichts anderes, als auf die Veröffentlichung des vollständigen Manuskriptes zu warten, dessen Kurzfassung hier veröffentlich worden ist.
Judith Miggelbrink gibt anschließend in ihren Überlegungen zur "(Un-)Ordnung des Raumes" einen konzisen Überblick über geographische Raumbegriffe im ausgehenden 20. Jahrhundert und legt den Zusammengang von "Raum und Kommunikation in geographischen Konzepten" (S. 81) dar. Dabei konstatiert sie aktuell ein Nebeneinander des älteren Forschungsfeldes
Kommunikation im Raum mit dem neueren Konzept des
Raumes in der Kommunikation. In Reaktion auf die These von der Vernichtung von ‚realem’ Raum sei ein ‚geographischer Reflex’ ausgelöst worden, "der diese Raumvernichtung kategorisch infrage stellt" (S. 104).
Den Abschluss des ersten Hauptkapitels bildet Antje Schlottmanns Beitrag zu alltäglichen Raumkonstruktionen, in dem sie gegen eine grundlegende Ablehnung essentialistischer Raumbegriffe durch postmoderne Raumkritik argumentiert. Die "oft diskreditierten traditionellen Raumkonzepte" seien "konstitutiv in die alltägliche gesellschaftliche Wirklichkeit eingebunden" (S. 130). Es solle deshalb nicht nach deren Richtigkeit oder Überwindung, sondern nach deren Funktion gefragt werden - "nicht die Überwindung traditioneller Raumkonstrukte", sondern "die Überwindung falscher Fragen" (S. 130) solle im Mittelpunkt der Forschung stehen.
Das zweite Hauptkapitel beginnt mit Alexander Honolds Aufsatz mit dem Titel "Pfadfinder. Zur Kolonialisierung des geographischen Raumes", in dem er einen deutlichen Schwerpunkt auf den Aspekt Raum legt und Kolonisierungsvorgänge des 19. Jahrhunderts im "Zug der Karawane" schildert. Christian Holtorff befasst sich hingegen mit der technischen Seite der Kommunikationsgeschichte und beleuchtet vor allem praktische Probleme der "Modernisierung des Nordatlantischen Raumes" durch Verlegung des Nordatlantikkabels. Am Ende dieses Kapitels stehen Werner Konitzers Ausführungen zum "Telefonieren als besondere Form gedehnter Äußerung", in der Konitzer im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Beiträgern in stärkerer Anlehnung an das Grundkonzept der Herausgeber einerseits und an kommunikationstheoretische Ansätze andererseits für eine "Sprachphilosophie als Medienphilosophie" (S. 198) plädiert, in der die "Raumzeitlichkeit sprachlicher Äußerungen" (S. 199), die durch technische Neuerungen wie Tonaufzeichnungen oder eben das Telefon einem grundlegenden Wandel unterliegen, "selbst auf eine neue Weise in Betracht" (S. 199) gezogen werden sollte.
Unter der Überschrift "Urbane Topographien der Kommunikation" versammeln sich drei Aufsätze. Alexa Geisthövels Beitrag zu "Raum und Kommunikation in Hydropolen, 1830-1880" beschäftigt sich mit Kurorten als "Mixtur von Kommunikationsräumen" (S. 227). Mit einem stärkeren Schwerpunkt auf der Kommunikation behandelt Philipp Müller "Verbrecherjagden im Berlin des Kaiserreichs". Anhand von drei Mordfällen untersucht er die Bedeutung öffentlicher Ermittlungen der Polizei und damit verschränkt die der Berichterstattung in der Berliner Tagespresse bei der Suche nach den Mördern. Im Gegensatz dazu wendet sich Habbo Knoch stärker dem Aspekt Raum zu und behandelt die "Öffentliche Kommunikation in der modernen Großstadt". Hierbei bezieht er sich vorwiegend auf Schwellenräume, also "Zonen des Übergangs zwischen Straßen und dem Inneren von tertiären Funktionsorten des Konsums und der Dienstleistung" (S. 269). Zu diesen, von Marc Augé als "Nicht-Orte" bezeichneten Orten, gehören Knoch zufolge Autobahnen, Supermärkte und Flughäfen als hochmoderne "Weiterungen der um die Jahrhundertwende entstehenden Schwellenräume" (S. 283).
Das abschließende Kapitel, "Kommunikation ästhetisierter Räume", hat einen deutlich kunsthistorischen Schwerpunkt. Tanja Michalsky behandelt einleitend Raumdarstellungen in Medien der Frühen Neuzeit. Alarich Rooch widmet sich aus architekturhistorischer Perspektive der "symbolischen Form der städtischen Villa im 19. Jahrhundert", "deren vielfältige Formensprache sich wie eine Manifestation des bürgerlichen sozio-kulturellen Milieus artikuliert" (S. 340). Stefan Paul schließt den Sammelband mit seinen Ausführungen zum Museum als Ort "kommunizierender Räume".
Zusammenfassend lässt sich die besondere Qualität der vorgestellten Anthologie hervorheben. Der einleitende Beitrag setzt in Bezug auf die konsequente Durchführung des Forschungskonzeptes einer verschränkten Untersuchung von Kommunikation und Raum hohe Maßstäbe. Diese werden nicht von allen Beiträgen erfüllt - doch nicht zu Lasten des Gesamtbandes. Denn gerade durch die unterschiedlichen Gewichtungen von Raum und Kommunikation in den einzelnen Forschungsansätzen, wie auch durch die unterschiedlichen Perspektiven auf diese beiden Zentralaspekte, wird die "Eignung von Raum als Zentralkategorie für eine neu zu konzipierende Kommunikationsgeschichte" (Klappentext) deutlich. Für Historiker, die sich im Anschluss an den ‚spatial turn’ intensiv mit Raumtheorien auseinandersetzen möchten, ist daher eine vollständige Lektüre des Sammelbandes zu empfehlen. Zudem werden aber auch Medien- und Kommunikationswissenschaftler oder Kunsthistoriker von dem ein oder anderen Beitrag profitieren können, auch wenn sie der intensiven Hinwendung zum Raum selbst nicht Folge leisten möchten.
Alexander C.T. Geppert, Uffa Jensen, Jörn Weinhold (Hg.): Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert. Bielefeld: transcript, 2005. 378 S., kart., 29,80€. ISBN: 3-89942-312-7
Inhaltsverzeichnis
- Jörn Rüsen, Vorwort (7)
- Alexander C.T. Geppert, Uffa Jensen und Jörn Weinhold, Editorial (9)
Einleitung (13) - Alexander C.T. Geppert, Uffa Jensen und Jörn Weinhold, Verräumlichung. Kommunikative Praktiken in historischer Perspektive, 1840-1930 (15)
Raumkonzeptionen (51) - Alexander Mejstrik, Raumvorstellungen in den Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Epistemologische Profile (53)
- Judith Miggelbrink, Die (Un-)Ordnung des Raumes. Bemerkungen zum Wandel geographischer Raumkonzepte im ausgehenden 20. Jahrhundert (79)
- Antje Schlottmann, Rekonstruktion alltäglicher Raumkonstruktionen. Eine Schnittstelle von Sozialgeographie und Geschichtswissenschaft? (107)
Techniken kommunikativer Raumerschließung (135) - Alexander Honold, Pfadfinder. Zur Kolonialisierung des geographischen Raumes (137)
- Christian Holtorf, Die Modernisierung des nordatlantischen Raumes. Cyrus Field, Taliaferro Shaffner und das submarine Telegraphennetz von 1858 (157)
- Werner Konitzer, Telefonieren als besondere Form gedehnter Äußerung und die Veränderung von Raumbegriffen im frühen 20. Jahrhundert (179)
Urbane Topographien der Kommunikation (201) - Alexa Geisthövel, Promenadenmischungen. Raum und Kommunikation in Hydropolen, 1830-1880 (203)
- Philipp Müller, Öffentliche Ermittlungen und ihre Aneignungen im urbanen Raum. Verbrecherjagden im Berlin des Kaiserreichs (231)
- Habbo Knoch, Schwellenräume und Übergangsmenschen. Öffentliche Kommunikation in der modernen Großstadt, 1880-1930 (257)
Kommunikation ästhetisierter Räume (285) - Tanja Michalsky, Raum visualisieren. Zur Genese des modernen Raumverständnisses in Medien der Frühen Neuzeit (287)
- Alarich Rooch, Architektur und Kommunikation. Zur symbolischen Form der städtischen Villa im 19. Jahrhundert (311)
- Stefan Paul, Kommunizierende Räume. Das Museum (341)
Anhang (359) - Raum und Kommunikation. Eine Auswahlbibliographie (361)
- Autorinnen und Autoren (373)
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