Die Erforschung urbaner Kunst und Kultur der Moderne erfordert Interdisziplinarität. Um ebendiese Interdisziplinarität bemüht, untersucht ein von der Münchner Kunstwissenschaftlerin Burcu Dogramaci herausgegebener Sammelband großstädtische Kultur entlang verschiedener Disziplinen und Fragestellungen.
Trotz der anberaumten Disziplinenvielfalt überwiegen kunsthistorische Studien zum Großstadtmotiv in der Malerei. Hubertus Kohle widmet sich beispielsweise Adolph Menzel als einem "Großstadtmaler
avant la lettre" (S. 43), während Lisa Hanstein die visionären Qualitäten der futuristischen Großstadtdarstellungen zur Sprache bringt. Olaf Peters beschäftigt sich indessen mit zentralen Werken der Großstadtmalerei des deutschen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Mit Beobachtungsschärfe demonstriert er, dass auch bereits bearbeitetes Terrain der Kunstgeschichte mittels aktualisierter Fragestellungen neu erschlossen werden kann. Dabei stehen die bildkünstlerischen Auswirkungen großstädtischer Seherfahrung im Fokus, während sozialhistorische Beweggründe zur Motivfindung unerwähnt bleiben. Anhand des zeitgenössischen Films unternimmt Peters einen Exkurs zu außermalerischen Darstellungsformen (vgl. S. 181), bewegt sich aber auch hier innerhalb der Frage nach den Formen künstlerischer Gestaltung im Angesicht der Stadt.
Mehrere Aufsätze stehen im Zeichen kunsthistorischer Gegenstandserweiterung. Die Thematisierung angewandter Kunst durch Gerda Breuer erscheint ebenso begrüßenswert wie die der außereuropäischen Kunstgeschichte anhand des Aufsatzes von Avinoam Shalem zur künstlerischen Avantgarde Kairos. Der Beitrag von Wolfgang Sonne liefert unterdessen eine thesenreiche Einführung in die ästhetischen Prämissen der aufstrebenden Stadtbaukunst um 1900. Sonne dokumentiert anhand schriftlicher Quellen, wie die Stadtbaukunst einen zentralen Ort zur ästhetischen Reflexion des Phänomens Stadt bot. Dabei rühmt der Autor die Städtebaukunst als eine auf ästhetische Theorie fußende Königsdisziplin, die für sich beanspruchte, Städtebau als "multidisziplinäre Aufgabe" (S. 22) zu bewerkstelligen. Der Leser aber sucht konkrete Inhalte und Fragestellungen der zitierten Städtebaukünstler vergebens, dabei wäre es spannend gewesen, die Leistungen der Disziplin anhand kontradiktorischer Positionen und praktischer Umsetzungen nachvollziehen zu können.
Unbedingt hervorzuheben sind zwei Beiträge, die sich großstädtischer Wahrnehmung anhand der Untersuchung spezifischer Orte annehmen. So stellt Gertrud Lehnert das Warenhaus als "wesentlichen mentalitäts- und affektbildenden Raum" (S. 77) der urbanen Moderne heraus. Dabei wird der 'Konsumtempel' gleichsam als Resultat und Urheber urbaner Kultur gewürdigt. Lediglich Lehnerts Schlussfolgerung, das Warenhaus als einen Ort darzustellen, der die Lebensbedingungen der Großstadt auf engem Raum verdichtet (vgl. S. 88), ist nur bedingt plausibel. Es ist die von der Autorin betonte, auf ökonomische Absichten zurückzuführende, strategische Inszenierung des Warenhauses, die einen Vergleich mit der Großstadt als komplexem System anfechtbar macht. Intermediale Exkurse, wie die hier unternommene Bezugnahme auf ein Gemälde Félix Vallottons (vgl. S. 90), vermisst man im Sinne der eingeforderten Interdisziplinarität in den meisten anderen Beiträgen des Bandes.
Auf intelligente Weise wird das Schaufenster im herausragenden Beitrag von Nina Schleif und Christof Windgätter entlang diverser historischer Text- und Bildquellen als großstädtisches Ereignis mit psychologischen, moralischen und künstlerischen Konsequenzen erörtert. Fragen der Subjektkonstituierung werden mit zeitgenössischen Debatten zur Sittlichkeit der Auslagen in Verbindung gebracht, während Großstadtkunst als Form von Gesellschaftskritik ernst genommen wird. Methodisch demonstriert der Aufsatz, wie eine interdisziplinäre Verknüpfung unterschiedlichster Quellen zu innovativen Fragestellungen führen kann.
Leider gelingt es nicht allen Beiträgen, Urbanität – wie im Vorwort der Herausgeberin Burcu Dogramaci angekündigt – als "komplexes Geflecht zwischen Kreativität und Umraum, zwischen Kunsttheorie und Metropole" (S. 9) zu diskutieren. So beharren einige Autoren auf monographischen Ansätzen, die der Idee der künstlerischen Antriebskraft des Urbanen entgegen stehen. Diese vorwiegend in den genuin kunsthistorischen Beiträgen vertretenen Ansätze sind wenig anschlussfähig gegenüber denen, die die vom Sammelband eingeforderte Interdisziplinarität auch innerhalb der Beiträge verwirklichen. Der Band ist daher Beleg dafür, dass sich Interdisziplinarität nicht unweigerlich im Nebeneinander der Disziplinen einstellt. Auch die Einführung der Herausgeberin vermag es nicht, der Publikation einen reißfesten roten Faden zu verleihen. Wünschenswert wäre eine Konzeption des Sammelbandes auf der Grundlage zentraler Fragestellungen und eine daraus resultierende Verflechtung der Einzelbeiträge gewesen. Im Ergebnis versammelt der Band Beiträge sehr unterschiedlichen Zuschnitts, die mitunter durchaus lesenswert sind, auch wenn sich die anvisierten interdisziplinären Synergieeffekte nicht recht einstellen wollen.
Dogramaci, Burcu (Hg.): Großstadt. Motor der Künste in der Moderne. Berlin: Gebr. Mann Verlag, 2010. 296 S., broschiert, 29,90 €. ISBN: 978-3-7861-2631-7Inhaltsverzeichnis Burcu DogramaciDie Stadt und die Künste - zur Einführung 7
Wolfgang SonneDie Planung der Großstadt als Stadtbaukunst 13
Hubertus KohleDer Maler als Städter. Adolph Menzel in Berlin 29
Renate BergerAnkunft in der Moderne. Paula Modersohn-Becker und Paris 45
Christopher BalmeStadt-Theater: Eine deutsche Heterotopie zwischen Provinz und Metropole 61
Gertrud LehnertParadies der Sinne. Das Warenhaus als sinnliches Ereignis 77
Nina Schleif / Christof WindgätterAm Schaufenster. Von Wahn und Sinnen moderner Subjekte 91
Lisa HansteinLichterglanz und Klangkulisse futuristischer Großstadtvisionen 113
Wolfgang RathertRhapsody in Noise?Die Großstadt in der Musik des 20. Jahrhunderts 127
Karin WimmerDer surreale Raum: Giorgio de Chirico in Paris 143
Avinoam ShalemDie Eroberung der Natur: Surrealistische Nil-Szene, Abdel Hadi al-Gazzar und der Staudamm von Assuan 159
Olaf PetersDie Straße als transitorischer Ort in der Großstadtmalerei des deutschen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit 173
Gerda BreuerGroßstadt und Signaletik. Gestalten des städtischen Raums in den 1920er Jahren 189
Burcu DogramaciMetropolen im Buch. Großstadtfotografie in den zwanziger und dreißiger Jahren 205
Fabienne LiptayDie Kamera fährt Achterbahn. Zur Modellierung großstädtischer Blickerfahrung in Maurice Elveys „Hindle Wakes" 221
Ortrud WestheiderDas Bild der Stadt in der Malerei Edward Hoppers 237
Jörg HaspelGroßstadtdenkmale — das Erbe der Moderne in Berlin 249
Farbtafeln 265
Autorinnen und Autoren 283
Personenregister 287
Bildnachweis 293
Impressum 296
The metropolis as a source of modern arts—this is the subject of an anthology published in 2010 by Gebr. Mann Verlag. The volume is based on an interdisciplinary series of lectures which have been held at the school of arts of Ludwig Maximilians University Munich. In 17 articles, city planning, painting, design, photography, music, theatre, preservation of monuments, and film are depicted as metropolis-related arts. It varies how convincingly the contributions display the interdisciplinarity at which the book aims.
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bei der Autorin und bei KULT_online