Der
Sammelband Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens entstand aus der im Jahr der Geisteswissenschaften 2007 stattfindenden Tagung des Graduiertenzentrums der Universität Trier "Verausgaben. Leben vom/im Überfluss". Der Band fügt sich ein in die Schriftenreihe
Literalität und Liminalität, die laut Editorial auf eine Komplexitätserhöhung in den Philologien abzielt und Literaturtheorie an der Schwelle zu ihren Nachbardisziplinen verortet. Das Versprechen der Interdisziplinarität wird an den Schnittstellen von Literatur- und Medienwissenschaft, den Künsten sowie Soziologie eingelöst. Gerade weil in der Einleitung Jacques Derrida und Marcel Mauss gestreift werden (vgl. S. 8) und der Verlag auf seiner Website mit einem Zitat René Kaufmanns wirbt, der für den Band "fruchtbare Anstöße und Impulse" für die Beschäftigung mit dem "allgemeinen Gabe-Topos" verspricht, wäre allerdings eine ausführlichere Beschäftigung mit der Verausgabung als Gabe zu erwarten gewesen.
Dem Begriff der Verausgabung nähern sich die HerausgeberInnen theoriegeschichtlich und kulturwissenschaftlich insbesondere in der Einleitung. Sie streifen die Möglichkeit finanzieller Verausgabung und kultureller (Grenz-)Überschreitungen. Der Begriff des Verausgabens erlaubt es dabei die "Grenzen des Möglichen oder Vorstellbaren, der Kontrolle oder des Erlaubten neu aus[zu]loten" (S. 8), was als Ziel von interdisziplinärer Arbeit grundsätzlich gesehen werden kann.
Stephan Lorenz stellt in seinem Beitrag heraus, dass Überfluss und Überschreitung nur ambivalent und relational gebraucht werden können (vgl. S. 53). Demzufolge lässt sich die Überschreitung lediglich in einem Verhältnis bestimmen. Entsprechend widmet sich Thomas Waitz dem Verhältnis von gesellschaftlichem Habitus und medialen Strategien der Normierung durch Verausgabung, oder Kai Marcel Sicks dem Sport, der in ausgewählten Sportromanen als Warnung vor dem Überfluss gilt. Bernd Blaschke spricht Goethes Lob der Verausgabung in Relation zu seiner Sparsamkeit als kontrollierte Verausgabung an, und Thomas Ernst nennt die Begrenzungen des Textflusses im Internet, das gerade keinen Überfluss an Möglichkeiten bietet. Auch die Aktionskunst von Abramović und Ulay, die Viola Vahrson vorstellt, zeigt Überschuss im Wechselspiel mit der Erschöpfung.
Das Verausgaben wird also als ein Konzept an der Schwelle vorgebracht, was den Sammelband hervorragend im Thema der Schriftenreihe verortet. Durch die überwiegende Betrachtung der Verausgabung als relationalem Begriff und der Gabe als "Gabentausch" (vgl. bspw. S. 28) wird bei einigen AutorInnen jedoch die Besonderheit der Verausgabung als Gabe und die Differenz zwischen Gabe und Tausch, die seit der umfassenden Rezeption von Mauss'
Gabe geltend gemacht wird, umgangen. Georg Mein bildet eine Ausnahme, wenn er darauf hinweist, dass die Verausgabung gerade kein Tausch ist (vgl. S. 15). Diese Begriffsunschärfe wird in den weiteren Artikeln zu wenig beachtet (vgl. bspw. S. 179). Hier wird deutlich, dass die AutorInnen selbst Teil von Derridas "Dilemma jeglichen Sprechens über die Gabe" (S. 183) sind: Kein Schreiben oder Denken wäre möglich, wenn wir uns tatsächlich verausgabt hätten.
Auch die Beschäftigung mit dem Potlatsch, ein durch Übertreibung und Zerstörung charakterisiertes Gabenfest, den Marcel Mauss in seinem
Essai sur le don analysiert und auf den Georges Bataille sein Gegenmodell zur kapitalistischen Wirtschaft aufbaut, kommt in der Vielzahl der Beiträge etwas zu kurz. Wenn Oliver Ruf schreibt, dass es sich beim "Gabentausch [...] um etwas, was Mauss in Rekurs auf die Tradition nordamerikanischer Indianer-Völker
Potlatsch nennt", handelt (S. 28), bleibt unklar, dass der Potlatsch nur
eine Form der Gabe ist, und dass bereits nach Mauss der Potlatsch nicht auf nordamerikanische "Indianer-Völker" beschränkt ist.
Negativ anzumerken sind zahlreiche Rechtschreib-, Trenn- und Formatierungsfehler (vgl. S. 29, 30, 70, 79, 116, 125f., 141, 150, 154). Vereinzelt kann stilistische Kritik geübt werden, wo unpräzise Ausdrücke auf inhaltliche Ungenauigkeit schließen lassen, wenn beispielsweise Ruf den Begriff "des Primitiven" (S. 31) unkritisch verwendet.
Solchen formalen Schwächen zum Trotz finden sich sehr lesenswerte Beiträge, wie etwa Meins Artikel über die Geisteswissenschaften als der 'überflüssigen' Wissenschaft, die wie Serres' Parasit gerade nicht zweckorientiert handeln müssen. Georg Mein weicht der Widersprüchlichkeit eines Begriffs der Verausgabung nicht aus. Der eigentliche Wert der Geisteswissenschaften wird mit Seel darauf bezogen, mehr Bewusstsein für die Möglichkeiten menschlicher Orientierung zu schaffen (vgl. S. 20), also eine "kathartische Funktion" (S. 24) zu erfüllen.
Resümierend ist der Sammelband der Versuch, das heterogene Areal der Überschreitung gangbar zu machen. Der interdisziplinäre Ansatz der HerausgeberInnen erleichtert den Einstieg in ein noch wenig umrissenes Forschungsgebiet. Durch die Vielzahl der berührten Themen können jedoch anfangs aufgebrachte Vorschläge, wie beispielsweise das Arbeiten an einer "Soziologie des Überflusses" (S. 50), im Folgenden nicht wieder aufgegriffen werden. Die Begründung eines fächerübergreifenden Paradigmas des Verausgabens steht zwar noch in weiter Ferne, der vorliegende Band leistet aber mit der Heterogenität seiner Beiträge eine gute Anregung auf dem Weg dorthin.
Bähr, Christine; Suse Bauschmid, Thomas Lenz und Oliver Ruf (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld: Transcript, 2009. 242 S., kartoniert, 26,80 Euro. ISBN: 978-3-89942-989-3
Inhaltsverzeichnis
Christine Bähr, Suse Bauschmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf: Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Einleitung 7
Georg Mein: Verausgabung, Erschöpfung und andere Müdigkeitszustände. Vom Mythos beständiger Missernten im Weinberg der Geisteswissenschaften 13
Oliver Ruf: Ökonomie der Vergeudung. Die Figur des Verausgabens bei Georges Bataille 27
Leben im ÜberflussStephan Lorenz: Überflusskultur und Wachstumshunger. Verausgabungen in Arbeits- und Konsumgesellschaft 43
Matthias Hoffmann und Rebecca Weber: Kulturindustrie – vermasste Kultur – Jazz 59
Andrea Haller und Thomas Lenz: Warenhauskönig und Kinoprinzessin. Konsum- und Kulturkritik in den Warenhaus- und Filmromanen der Kaiserzeit 73
Marco Borth: Christian Krachts Faserland an den Grenzen der
Erlebnisgesellschaft 89
Überschreitungen des KörpersThomas Waitz: Dicksein. Armut und Medien. Selbstführungsfernsehen und die Unterschichtendebatte 103
Kai Marcel Sicks: »Zu Tode erschöpft«. Sportromane als Verausgabungsnarrative (1900–1933) 125
Irina Gradinari: Sterben im Überfluss: Luxus und Lustmord in Hollywood-Mainstream-Filmen seit den 90er Jahren 139
Viola Vahrson: Verausgabung und Souveränität. Die Performance
Light/Dark von Marina Abramović und Ulay 159
Sprache der VerausgabungBernd Blaschke: »Bin die Verschwendung, bin die Poesie«. Überfluss und Verausgabung in Goethes
Faust und seinen Kontexten 173
Kerstin Beyerlein: »Un drame dans la langue française.« Verausgabungsprozesse im literarischen Theater von Valère Novarina 193
Marion Rutz: Die Bändigung der kulturellen Vielfalt. Der Umgang mit dem sowjetischen Kulturerbe in Timur Kibirovs poetischer Collage ›Durch Abschiedstränen‹ (Skvoz' proščal'nye slëzy) 207
Thomas Ernst: Die Begrenzungen des Textflusses. Vom Urheberrecht der Gutenberg-Galaxis zur Wissensallmende im World Wide Web? 223
Autorinnen und Autoren 239
From an interdisciplinary point of view, comprehensive volume on the cultural practice of overexertion aims at opening up the vast territory of the concept of overexertion. The authors meet their stated goal of enhancing complexity. Thereby, overexertion is defined as something which exceeds limits on the threshold of containment. The authors' emphasis on liminal aspects of overexertion elucidates how difficult it is to think about excess at all. Due to the large quantity of articles concerning philology, media studies, the arts, and sociology, the perspective on one-dimensional overexertion as part of the gift, as analysed elsewhere by Marcel Mauss and enforced especially by philosophy, is hardly taken into account.
©
bei der Autorin und bei KULT_online