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Teaching Idea


Teaching Idea 7: Student Conferences

Von Vera Stadelmann


Im Folgenden möchte ich das Seminarkonzept „Student Conference“ vorstellen, das sich besonders für Großgruppen auf BA-Niveau eignet, da es passgenau auf die
individuellen und heterogenen Bedürfnisse der Studierenden eingeht und dabei zugleich in unterschiedliche Formen des wissenschaftlichen Arbeitens einübt. Das Konzept entwickelte ich für das Proseminar Conversation Analysis, das ich im Wintersemester 2010/11 am Institut für Anglistik (Abteilung Sprachwissenschaft) der Justus-Liebig-Universität gehalten habe. Das Proseminar verband linguistische Fragen und Methoden mit zentralen Konzepten der Kulturwissenschaften (Gender, Performativity, Identity, Narration).
Nach einer kurzen Einführung in die Konzeption des Seminars findet sich im zweiten Teil eine detaillierte Abhandlung der didaktischen und inhaltlichen Ziele der Lehrveranstaltung, sowie deren Umsetzung.

Brief overview

Student conferences and content classes: Forschungsgeleitetes Lernen in Großgruppen
An Proseminaren der Abteilung Sprachwissenschaft nehmen bis zu 60 Studierende teil. Solche Großgruppen stellen das ursprüngliche Lehr- und Lernkonzept „Seminar“, – das gemeinsame Diskutieren, Erarbeiten und Hinterfragen von Theorien, Denkmodellen und ihren Anwendungen – vor große Herausforderungen, da ein persönliches Eingehen auf die individuellen Bedürfnisse der Studierenden erschwert ist. Die Proseminare werden jedoch von Studierenden unterschiedlicher Studiengänge (von Lehramt über Bachelor bis Wirtschaft) und Semester (zweites Semester bis kurz vor Studienabschluss) besucht, die heterogene Wünsche, Bedürfnisse und Vorkenntnisse haben.
Um dieser Heterogenität gerecht zu werden und auch in Großgruppen ein intensives Diskutieren zu ermöglichen, entschied ich mich, zu angewandten Themengebieten des Seminars student conferences zu gestalten, die auf den zuvor in content classes mithilfe von problem-based learning erarbeiteten theoretischen und methodischen Grundlagen fußten. Jede Konferenz wurde von einem chair geleitet, der die Koordination und Moderation seines panels übernahm. Die inhaltlichen Beiträge zu den panels wurden von presenters, die ihre Forschungsprojekte zu kulturwissenschaftlichen Fragestellungen vorstellten, geleistet. Am Ende jeder Konferenz präsentierten respondents die zentralen Ergebnisse der Diskussionen und verfassten zusätzlich einen Bericht, der zur Ergebnissicherung und als Prüfungsgrundlage auf der Lernplattform StudIP veröffentlicht wurde. Zur Benotung dieser Vorprüfungsleistungen wurden alle Teilnehmer_innen gebeten, ihr panel zu evaluieren.
Die Beurteilung der Vorprüfungsleistung erfolgte auf Grundlage der Reflexion über das Seminar in Hinblick auf persönliche Studienziele und -bedürfnisse und war somit prozess- und nicht produktorientiert. Des Weiteren wurde die Rolle der Lehrenden zu der eines facilitators, da die chairs die Hauptverantwortung für das Gelingen des Panels trugen. Ich in meiner Rolle als facilitator stand den Studierenden bei Fragen zur Methodik, Datenerhebung und Sekundärliteratur beratend und unterstützend beiseite.
Das Seminar ermöglichte so ein individualisiertes und forschungsgeleitetes Lernen in Großgruppen und bot den Studierenden unter Berücksichtigung ihres Kenntnisstandes und persönlicher Lernziele vielfältige Gelegenheiten zur Einübung elementarer transferable skills.

Thematische Ausrichtung: Students researching language and culture
Linguistische Proseminare am Institut für Anglistik sind laut Modulbeschreibung auch für das Modul Cultural Studies (A2) anrechenbar. Um dieser interdisziplinären Zuordnung gerecht zu werden, versuche ich, in meinen Kursen eine kulturwissenschaftliche Linguistik zu entwickeln. Die Conversation Analysis ist für dieses Anliegen prädestiniert, da sie ein Forschungsgebiet darstellt, das Philosophie (Schütz, Husserl, Wittgenstein), Soziologie (Goffman, Garfinkel) und Linguistik (Sacks, Schegloff, Jefferson) vereint und durch mikrosoziologische Analysen Fragen nach kultureller und sozialer Ordnung zu beantworten sucht. In einer kulturwissenschaftlichen Linguistik ermöglicht die Conversation Analysis, Ergebnisse kulturwissenschaftlicher Forschung auf der Ebene originärer Interaktion zu testen, zu hinterfragen und produktiv zu machen. Im Rahmen der student conferences erarbeiteten sich die Studierenden dementsprechend Fragen von Gender, Interkulturalität, Narration und Machtdiskursen unter Bezugnahme auf kulturwissenschaftliche Theorie ebenso wie auf die empirischen Methoden der Conversation Analysis (Transkription, Sequenzanalyse). Die Studierenden waren so dazu angeregt, über wissenschaftliche Erkenntnisprozesse zu reflektieren und etablierte Theorien und Denkmodelle, beispielsweise J. Butlers Performativitätstheorie, selbständig zu hinterfragen.


Das Seminarkonzept en detail


Auch in Großgruppen sollte individualisiertes, persönlichen Interessen entgegenkommendes und forschungsbasiertes Lernen auf Augenhöhe ermöglicht werden. Das Proseminar verfolgte daher folgende Ziele auf der didaktischen Ebene:

1.    Ermöglichung tiefgreifender Diskussionen und Reflektionen auch in Lehrveranstaltungen    mit hohen Teilnehmer_innenzahlen durch problem- und project-based learning in Kleingruppen
2.    Möglichst vielfältige Möglichkeiten zur Befriedigung der unterschiedlichen Lernziele der heterogenen Teilnehmer_innen durch vielfältige Rollen, Aufgaben und Themengebiete in student conferences
3.    Förderung und Einübung von Kritikfähigkeit, Moderations- und Präsentationstechniken im Rahmen von content workshops und student conferences
4.    Schärfung des Bewusstseins über wissenschaftliche Erkenntnisprozesse durch eigenständiges Forschen
5.    Wissenschaftliches Methodentraining in Forschungsprojekten
6.    Förderung von Selbstverantwortung für Lern- und Forschungsprozesse

Auf der inhaltlichen Ebene verfolgte das Seminar folgende Ziele:

1.    Bewusstsein über die philosophischen Wurzeln unterschiedlicher linguistischer Schulen
2.    Verständnis der zentralen Thesen der Phänomenologie, Ethnomethodologie und Mikrosoziologie im Sinne von Husserl, Schütz, Wittgenstein, Heidegger, Garfinkel und Goffman
3.    Bewusstsein über die Unterscheidung von Mikro- und Makroebene in the study of culture
4.    Entwicklung und Reflektion einer kulturwissenschaftlichen Linguistik
5.    Interdisziplinäre Anwendung von travelling concepts wie Gender, Interkulturalität, Macht und Performativität
6.    Methodenkompetenz: Anwendung und Hinterfragung unterschiedlicher Transkriptionssysteme
7.    Diskussion von Sprache und Kommunikation als social action

Didaktische Konzept

Zur Realisierung dieser Ziele wurde das Proseminar in zwei Blöcken unterrichtet: content classes (sieben Sitzungen) und student conferences (insgesamt vier data sessions mit mehreren panels in der zweiten Semesterhälfte). Das Lehrkonzept wurde mit den Studierenden ausführlich in der ersten Sitzung besprochen, stand ihnen auch in schriftlicher Ausarbeitung in der Course Description zur Verfügung.
Der erste Block (content classes) diente zur Einführung in grundlegende philosophische und methodologische Vorannahmen und stellte so die Basis für die von den Studierenden durchgeführten Forschungsprojekte dar. Methodisch hatten diese Sitzungen zum Einen Workshopcharakter und waren den Prinzipien des problem-based learning (cf. Capon & Kuhn, 2004) geschuldet. Anhand klar definierter Problemstellungen und natürlicher Interaktionsdaten diskutierten die Studierenden in wechselnden Kleingruppen zentrale Probleme der Konversationsanalyse wie zum Beispiel Möglichkeiten und Limitationen der Transkription von gesprochener Sprache (Problemstellung: „Gaze plays a major role in joint meaning making processes. Keeping in mind that transcription is an integral part of analysis, how would you transcribe gaze in the sequence under investigation to find out more about ist role in interaction?“) oder auch das Konzept des Turn-Taking. Die Ergebnisse der Problem-Workshops wurden im Rahmen von Posterpräsentationen oder Kurzvorträgen gesammelt und, auf Grundlage von Input-Referaten der Dozentin, mit dem aktuellen Forschungsstand verglichen.
Zum Anderen wurden zentrale Texte durch close readings in Kleingruppen bearbeitet. Da es sich hier um komplexe Texte in einer Fremdsprache handelte, wurde die sprachdidaktische Ebene miteinbezogen, um ein besseres Verständnis zu ermöglichen. Auf terminologischer Ebene wurden beispielsweise gemeinsam Definitionen von Fachbegriffen erarbeitet, auf die die Studierenden in ihren eigenen Forschungsprojekten zurückgreifen konnten. In den Ergebnispräsentationen übten die Studierenden bereits das Genre einer akademischen Präsentation ein, die für den zweiten Block von zentraler Bedeutung war.

Während in den content classes stärker auf mikrosoziologische Theorien und Modelle von Bedeutung und ihre Wurzeln in der Sprachphilosophie eingegangen wurde, beschäftigten sich die vier student conferences des zweiten Blocks mit Themen aus dem Bereich der study of culture. Vom didaktischen Grundgedanken her ähnelten die student conferences damit den Prinzipien des in der  Hochschullehre etablierten project-based learnings (cf. Helle, Päivi, & Olkinuora, 2006), boten jedoch vielseitigere Partizipationsmöglichkeiten und führten die Studierenden an die wissenschaftliche Praxis heran. So wurde jede Konferenz von einem chair geleitet, der die Koordination und Moderation seines panels übernahm. Die inhaltlichen Beiträge zu den panels wurden von bis zu drei presenters geleistet. Die presenters hatten zuvor in Abstimmung mit dem chair und mir als LV-Leiterin eigene kleine Forschungsprojekte zu ihrem Themengebiet durchgeführt und präsentierten in der Konferenz nun die Ergebnisse. Da aufgrund der hohen Teilnehmerzahl parallel sessions abgehalten werden mussten, wurden dem Plenum, das zwischen den in unterschiedlichen Räumen stattfindenden Vorträgen und Panels wählen konnte, am Ende jeder Konferenz von respondents die zentralen Ergebnisse der Diskussionen präsentiert. Die respondents verfassten zusätzlich einen Bericht, der zur Ergebnissicherung auf der Lernplattform StudIP veröffentlicht wurde und als Prüfungsgrundlage dienen konnte.
Von Butlers Performativitätstheorie in den Gender Panels zu Fragen nach der Beziehung von Kultur zu Sprache und Macht diskutierten die Studierenden in diesem Rahmen Makro-Fragen in ihrer Realisation auf der Mikroebene. Das Seminar schloss mit einer Wrap-Up Session, in der offene Fragen thematisiert und zentrale Inhalte wiederholt wurden.

Das Lehrkonzept der student conferences und der content sessions mit Workshopcharakter ermöglichte den Studierenden, sich auch in großen Seminaren in kleineren Gruppen intensiv mit einem interdisziplinären sprach- und kulturwissenschaftlichen Thema auseinander-zusetzen. Sie konnten zudem ihre eigenen Stärken, Interessen und Wünsche in den unterschiedlichen Seminarrollen (chair, presenter, respondent) ausleben und dabei die Reflexion über selbständiges Lernen und Forschen sowie die Entwicklung von Kritikfähigkeit einüben.


Bibliographische Angaben:

Capon, N., & Kuhn, D. (2004). What's so Good about Problem-Based Learning? Cognition and Instruction, 22(1), 61-79.
Helle, L., Päivi, T., & Olkinuora, E. (2006). Project-Based Learning in Post-Secondary Education: Theory, Practice and Rubber Sling Shots. Higher Education, 51(2), 287-314.


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