"Intertextualität und Intermedialität.
Eine Ringvorlesung von DoktorandInnen der Fächer Germanistik/Komparatistik/Medienwissenschaft im GCSC, Leitung Prof. Dr. Cora Dietl
Spätestens seit Gérard Genette und Julia Kristeva gehört die ‚Intertextualität’ zu den zentralen Grundbegriffen und Grundproblemen der Literaturwissenschaft; in den letzten Jahrzehnten, im Zuge der ‚Cultural Turns’ und der Entwicklung der neuen Medien, ist die ‚Intermedialität’ an die Seite der Intertextualität getreten. Die Ringvorlesung führt in die Diskussion der Begriffe ‚Intertextualität’, ‚Medialität’ und ‚Intermedialität’ ein und präsentiert Einzelprobleme der Beziehungen zwischen Text und Text, Text und Bild, Text und Musik, Text und Medium etc., jeweils eingebettet in die kulturellen Hintergründe der Intertextualität und Intermedialität. Die Vortragenden sind DoktorandInnen oder Mitglieder des GCSC, deren einzelne Forschungsprojekte unmittelbar mit den hier verhandelten Begriffen und Problemen in Verbindung stehen.
WS 08/09
Fr. 14–16 Uhr, A4
Cora Dietl, 17.10.
In der Auftaktsitzung der Ringvorlesung erhalten Sie einen Einblick in verschiedene grundlegende Konzepte von „Text“ oder „Textualität“ und „Intertextualität“. Vier Vertreter der neueren Literaturtheorie stehen im Zentrum der Sitzung: Mit Roland Barthes geht es um die „Lust am Text“ und um die Frage, was ein Text ist. In Michail Bachtins „Ästhetik des Wortes“ wird die Vielstimmigkeit eines Wortes beschrieben, das Spuren der früheren Sprechabsichten in sich trägt, in denen es bereits verwendet worden ist. Für Julia Kristeva ist jeder Text ein Mosaik von Zitaten und eine Transformation anderer Texte. Gérard Genette schließlich ist davon überzeugt, dass ein einzelner Text kein in sich geschlossenes Gebilde ist, sondern mit allen anderen Texten des „kulturellen Archivs“ zusammenhängt. Er führt eine Terminologie für die verschiedenen Arten von Inter- und Transtextualität ein, auf die heute sehr häufig Bezug genommen wird. Sie wird auch dem Großteil dieser Vorlesungsreihe zu Grunde liegen. Dennoch geht es in der Vorlesung nicht darum, eine angeblich fraglos gültige Definition von „Intertextualität“ zu deklamieren, sondern die Facetten des Begriffs aufzuzeigen und für verschiedenartige Auslegungen von „Intertextualität“ zu sensibilisieren.
Cora Dietl studierte von 1986 bis 1992 in Tübingen und Oxford Germanistische und Anglistische Mediävistik sowie Philosophie und wurde 1995 in Tübingen im Fach „Ältere deutsche Sprache und Literatur" promoviert. Von 1996 bis 1999 war sie Gastprofessorin an der Universität Helsinki, kehrte dann nach Tübingen zurück, um im Graduiertenkolleg „Ars & Scientia im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit“ ihre Habilitation über das frühhumanistische Drama zu beginnen. Diese schloss sie, gefördert durch das Margarete-von-Wrangell-Programm des Landes Baden-Württemberg, 2004 in Tübingen ab. Nach zwei Professur- und Dozenturvertretungen in Konstanz bzw. Münster erhielt sie eine Forschungsstelle im Projekt „Arthurian Fiction – a Pan-European Approach“ an der Universität Utrecht. Von dort wurde sie 2006 auf den Gießener Lehrstuhl für „Deutsche Literaturgeschichte, Schwerpunkt Mittelalter/Frühe Neuzeit“ berufen. Ab 01.10.2008 ist sie Dekanin des Fachbereichs 05 „Sprache – Literatur – Kultur“ der JLU Gießen.
Marcus Burkhardt, 24.10.
In der heutigen Gesellschaft spielen Medien eine wichtige Rolle. Es wird häufig behauptet, dass Medien manipulieren, lügen, zur Verdummung beitragen oder gar die Gewaltbereitschaft steigern. Angesichts dessen stellt sich die Frage danach was Medien überhaupt sind? Daher wird in der zweiten Sitzung der Ringvorlesung das Augenmerk auf Konzepte der Medialität gelenkt. Der Fokus liegt dabei nicht auf den Massenmedien als Institutionen gesellschaftlicher Kommunikation, sondern auf den Mitteln der Kommunikation, wie sie in der jüngsten Vergangenheit von dem Fach Medienwissenschaft thematisiert werden. Von Marshall McLuhans Diktum „Das Medium ist die Botschaft“ ausgehend, wird Niklas Luhmanns Beschreibung von Medien als Unwahrscheinlichkeitstransformationsmitteln eingeführt. Dabei werden drei Funktionen von Medien unterschieden: Verstehen, Erreichen, Erfolg. Dass die Einführung neuer Medien zu einem Wandel gesellschaftlicher und kultureller Kommunikation führt und damit einen Einfluss auf die Gesellschafts- und Kulturenwicklung hat, wird abschließend anhand zweier Beispiele aufgezeigt. In den Blick genommen werden einerseits der Übergang von oralen zu literalen Kulturen, wie er von Walter Ong beschrieben wurde, und andererseits der Übergang von der Buchkultur zum Internet. Auch in dieser Vorlesung kann es nicht darum gehen, eine unumstritten gültige Definition des Medienbegriffs zu präsentieren. Vielmehr sollen verschiedene Aspekte von Medialität beleuchtet und anhand literaturwissenschaftlich relevanter Fragestellungen diskutiert werden.
Marcus Burkhardt studierte von 2000-2006 in Jena und Flagstaff, Arizona, Medienwissenschaft, Philosophie und Informatik. Seit 2007 promoviert er am International Graduate Centre for the Study of Culture in Gießen mit einer Arbeit zur „Medientheorie der Datenbanken“.
Anne K. Hillenbach, 31.10.
Der Begriff „Intermedialität“ ist aus heutigen, kulturwissenschaftlichen Debatten nicht mehr wegzudenken. Doch was verbirgt sich überhaupt hinter diesem abstrakten Begriff?
Vereinfacht gesprochen kann man sagen, dass ein Kunstwerk immer dann intermedial ist, wenn es die Grenzen zu einem anderen Ausdrucks- oder Kommunikationsmedium aufbricht oder überschreitet.
Intermediale Kunstformen sind uns allen gut bekannt: Kein Kinofilm kommt ohne Musik aus, Comics oder „graphic novels“ verbinden Text und Bild und in der zeitgenössischen Popliteratur äußern sich die Protagonisten oft ausgiebig zu Musik oder Fernsehshows. Eine Methode, um mit diesen Kunstformen wissenschaftlich umgehen zu können, soll in dieser Vorlesung anschaulich an Beispielen vorgestellt werden: Was passiert mit einem Literaturklassiker, wenn er verfilmt wird? Welche zusätzlichen Bedeutungsdimensionen gewinnt ein Roman, wenn Fotos in ihm abgedruckt werden? Warum redet der Protagonist in Soloalbum eigentlich die ganze Zeit über Oasis? Diese und andere Fragen sollen in das Forschungsgebiet „Intermedialität“ einführen und zeigen, warum sich eine Beschäftigung mit diesem Phänomen gerade für Literaturwissenschaftler lohnt.
Anne Hillenbach studierte von 2002-2007 Komparatistik, Kunstgeschichte und Islamwissenschaft in Gießen. Während ihres Studiums war sie als studentische Hilfskraft am Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ tätig. Ihre Abschlussarbeit verfasste sie zum Thema „Formen und Funktionen intermedialer Hybridisierung in zeitgenössischer Erzählprosa und Fotografie.“ Seit Oktober 2007 ist Anne Hillenbach Doktorandin am Gießener Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) und seit Juni 2008 Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes.
Im letzten Semester unterrichtete sie eine Einführung in das Studiengebiet Literatur. Zur Zeit arbeitet sie neben ihrer Promotion als wissenschaftliche Hilfskraft am GCSC.
In der vierten Sitzung der Ringvorlesung wenden wir uns einem prominenten Beispiel für Intermedialität in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters zu. Der 1215/1216 entstandene Welsche Gast des jungen norditalienischen Klerikers Thomasin von Zerklære ist die erste umfassende deutschsprachige Tugendlehre. Das Werk ist in seiner Überlieferung fest mit einem Zyklus von Illustrationen verbunden, die auf vielfältige Weise mit dem Text interagieren. Deshalb hat Horst Wenzel den Welschen Gast in Anlehnung an den englischen Begriff des icon text als Ikonotext bezeichnet. Die meisten der Illustrationen werden durch beigegebene comicartige Spruchbänder dynamisiert, die sich mit Gérard Genette als Paratexte fassen lassen können.
Vor diesem methodischen und terminologischen Hintergrund werden Sie in der Vorlesung erfahren, welchen Mehrwert der Text durch den Illustrationszyklus bekommt und welche Poetik der Didaxe Thomasin in seinem Werk entwickelt. Aus diesen Überlegungen lassen sich schließlich allgemeine Rückschlüsse über das Lernen im Mittelalter ziehen.
Christoph Schanze stammt aus Tübingen und studierte nach seinem Abitur 2001 Germanistik an der Universität Tübingen sowie Musik an der Hochschule für Musik in Trossingen mit den Hauptfächern Klavier und Gesang. Zudem erhielt er Cembalo- und Dirigierunterricht. Er ist künstlerischer Leiter des Vokalquartetts „L’art vocal“ und Gastdirigent des Hechinger Kammerorchesters. Darüber hinaus machte ihn seine ausgeprägte Konzerttätigkeit als Pianist, Cembalist und Liedbegleiter einem breiten Publikum in Süddeutschland, Österreich, der Schweiz und Italien bekannt. Im April bzw. Oktober 2007 schloss er sein Studium mit dem ersten Staatsexamen ab.
Seit Oktober 2007 promoviert Christoph Schanze als Stipendiat am GCSC zum Welschen Gast Thomasins von Zerklaere. Er unterrichtet an den Universitäten Gießen und Tübingen im Bereich der germanistischen Mediävistik.
Anne K. Hillenbach und Christoph Schanze, 14.11.
In den letzen Jahren hat sich der Comic mittlerweile auch in Deutschland zu einer eigenen Kunstform etabliert. Auch Comicverfilmungen, wie etwa Persepolis, 300 oder Sin City, haben es mittlerweile in die Feuilletons der Zeitungen geschafft. Der erste Teil dieser Sitzung beschäftigt sich, mit gelegentlichem Bezug auf die Werke von Walter Moers, mit Intermedialität als einem Phänomen der modernen Populärkultur. Dabei soll der Comic als intermediales Phänomen im Zentrum stehen.
In der zweiten Hälfte der heutigen Sitzung werden Sie Hildegunst von Mythenmetz kennenlernen, den größten zamonischen Schriftsteller, einen aufrecht gehenden und vernunftbegabten Dinosaurier von der Lindwurmfeste. Sein Werk, das Walter Moers teilweise ins Deutsche übertragen hat, bietet zahlreiche Gelegenheiten, die Leitthemen dieser Ringvorlesung an einem Textbeispiel zu untersuchen, dem (noch?) nicht das Etikett „Hochliteratur“ angeheftet wurde und das einer Gattung angehört, die eher selten in den Fokus wissenschaftlicher Analysen gerät, nämlich der fantastischen Literatur.
Die Romane, die Walter Moers selbst illustriert hat, bieten ein subtiles Spiel mit zahlreichen intertextuellen Anspielungen. Diesen Spuren werden wir in der Vorlesung nachgehen und fragen, wie sich anhand der Kategorien „Intertextualität“ und „Intermedialität“ Walter Moers Stil beschreiben lässt.
Philipp Schulte, 21.11.
Welche Rolle spielt der dramatische Text für das Theater? Anhand einiger historischer Stationen soll eine Entwicklung des Verhältnisses von Text und Inszenierung auf der Bühne nachgezeichnet werden. Der Textbegriff im Theater hat einen grundlegenden Wandel erfahren: Im Gegensatz zu früheren Vorstellungen vom schriftlich fixierten Text als maßgeblichen Bestandteil einer Aufführung lassen sich bei der Betrachtung zeitgenössischen Theaters zahlreiche dehierarchisierende Tendenzen ausmachen, die Sprache und Text nur als ein Zeichen unter vielen behandeln. Anhand der Analyse von Aufführungsbeispielen sollen Strategien aufgezeigt werden, wie auf der zeitgenössischen Bühne mit dramatischen und postdramatischen Vorlagen umgegangen wird.
Weiterhin soll verdeutlicht werden, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die Aufführungsanalyse hat. Welche theoretischen Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Theateraufführungen selbst als Text untersucht werden können? Aspekte der Theatersemiotik werden ebenso erläutert wie die Probleme, die sich beim Versuch ergeben, flüchtige Aufführungsmomente einer Analyse zu unterziehen.
Philipp Schulte studierte Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie in Bergen/Norwegen und machte 2005 seinen Abschluss als Diplom-Theaterwissenschaftler. Heute promoviert er zum Thema ‚Identität als Experiment’, unterstützt von der Graduiertenförderung des Landes Hessen. Seit 2007 arbeitet er als Referent für die Hessische Theaterakademie in Frankfurt am Main sowie als freier Dramaturg und Autor. Ebenfalls seit 2007 ist er Mitglied des International Graduate Center for the Study of Culture GCSC an der JLU.
„If I throw a ball at you I don’t expect you to drop it and wait until it starts telling stories.“ (Markku Eskelinen 2001)
Während Literaturwissenschaftler sich seit einiger Zeit mit erzähltheoretischem Instrumentarium an die Analyse von Computerspielen machen, zitieren Computerspielwissenschaftler häufig den obigen Ausspruch eines ihrer Vertreter, wenn es um die Frage geht, ob Computerspiele Geschichten erzählen und somit ein narratives Medium seien. An dieser vehementen Reaktion lässt sich bereits erkennen, dass verschiedene Auffassungen davon vorherrschen, was eigentlich ein Erzählmedium ist. Dass Computerspiele in erster Linie Spiele sind, ist unumstritten. Inwiefern sie jedoch auch narratives Potential besitzen, wird in der Vorlesung zu „Narrativität in digitalen Medien / Computerspielen“ eingehender beleuchtet. Zunächst wird einführend das Kommunikationsmodell narrativer Texte vorgestellt, anhand dessen sich verschiedene Ansätze, Narrativität zu definieren, aufzeigen lassen. Im Folgenden sollen ausgehend von einem medienübergreifenden Narrativitätsbegriff die erzählerischen Gestaltungsmöglichkeiten und -grenzen in Computerspielen untersucht werden. Dazu werden die Analysekategorien der traditionellen Erzähltheorie u.a. von Gérard Genette herangezogen und auf ihre Anwendbarkeit auf das Computerspiel geprüft.
Kirsten Pohl (geb. 1977) studierte in Münster, Granada und Berlin die Fächer Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Spanische und Französische Philologie. Nebenbei arbeitete sie als Redakteurin bei Feibel.de Büro für Kindermedien in Berlin und absolvierte nach ihrem Studium ein Praktikum beim Kindersoftwareverlag Terzio. Seit Januar 2007 ist sie in der Assistenz der Geschäftsführung am International Graduate Centre for the Study of Culture tätig und promoviert dort zum Thema „Wo kommt die Moral ins Spiel? – Kommunikationsstrukturen und Rezeptionsangebote in narrativen Computerspielen unter besonderer Berücksichtigung ethischer Implikationen“.
Welche Rolle spielen die digitalen Medien beim Fremdsprachenlernen heutzutage? Wie ist der Umgang mit dem im Internet endlos verfügbaren Material über die Kultur der Zielsprache? Welche Art von Texten wird mit digitalen Medien produziert? Wie können diese Texte in das Fremdsprachenlernen produktiv integriert und didaktisch analysiert werden?
Vor dem Hintergrund der zu Beginn der Vorlesungsreihe problematisierten Begriffe der „Textualität“ und „Medialität“ erfahren Sie in dieser Vorlesung, wie sich der Einsatz von Medien im Fremdsprachenunterricht entwickelt hat: In der Vergangenheit war das Ziel des Fremdsprachenunterrichts die Lektüre und Übersetzung literarischer Texte. Mit der Entwicklung der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien hat sich seine Zielsetzung sehr verändert. So ist die interkulturelle Kommunikation in der Zielsprache zu einem der wichtigsten Lernziele geworden.
In der Vorlesung werden Beispiele für den Einsatz von Medien in verschiedenen Methoden des Fremdsprachenunterrichts vorgestellt und ihr jeweiliges Kulturkonzept erörtert. Darüber hinaus wird anhand des Gießener Projektes Jetzt Deutsch Lernen gezeigt, welchen Beitrag die digitalen Medien für das interkulturelle Deutschlernen und für die Textproduktion seitens der Lerner leisten können. In diesem Projekt haben Deutschlerner aus der ganzen Welt die Möglichkeit, ihre Schreib- und Lesekompetenzen zu verbessern, indem sie Emails schreiben, Geschichten in einer Wiki-Schreibwerkstatt verfassen, Beiträge in Diskussionsforen veröffentlichen und in einem didaktisierten Chat-Raum miteinander in Kontakt treten. Einen Schwerpunkt der Vorlesung bildet dieser Chat, da er als Text eine hybride Zwischenform von getippter mündlicher Kommunikation darstellt.
Gabriela de Oliveira Marques ist in Rio de Janeiro, Brasilien, geboren. Von 1999-2004 studierte sie Germanistik und Romanistik auf Lehramt an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro. 2004 nahm sie an einem DAAD-Sonderprogramm für lateinamerikanische Germanisten an der Universität Freiburg teil. 2005-2006 absolvierte sie einen Master in Angewandter Linguistik mit dem Schwerpunkt ‚Digitale Medien im Fremdsprachenunterricht’ an der Päpstlichen Universität von Rio de Janeiro. Seit 2007 promoviert sie an der JLU Gießen im Fach Germanistik mit einem Stipendium des brasilianischen Bildungsministerium CAPES und des DAAD.
Abdelkrim Medghar, 19.12.
Intertextualität bedeutet im Allgemeinen, dass ein Text in einem literarischen Werk auf einen Text in einem anderen literarischen Werk Bezug nimmt. Diese beiden Texte können den gleichen kulturellen Hintergrund haben, wenn sie von Autoren geschrieben wurden, die gleicher Herkunft sind. Dennoch kann Intertextualität auch bedeuten, dass ein Text sich auf einen anderen Text bezieht, der einem anderen Kulturkreis angehört. Aus dieser Bezugsnahme kann ein Dialog entstehen, der sich als Dialog zwischen Kulturen bezeichnen lässt. Der Text weist in diesem Fall nicht nur Intertextualität auf, sondern auch Interkulturalität und Internationalität.
In meiner Vorlesung werde ich auf die Problematik des intertextuellen Dialogs zwischen Kulturen eingehen, die am Beispiel ausgewählter ins Deutsche übersetzter Texte eines algerischen Autors, der auf einen deutschen Text oder auf deutsche Texte Bezug nimmt, veranschaulicht wird. Dieser algerische Autor heißt Rachid Boudjedra, ein großer Romancier sowohl der französischsprachigen Literatur des Maghreb, als auch der arabischsprachigen Literatur, weil er auf Französisch und neuerdings auch auf Arabisch Romane schreibt. Das Interessante an dieser Studie liegt darin, dass Intertextualität und der intertextuelle Dialog zwischen den Kulturen, in diesem Fall in einer Übersetzung, analysiert werden.
Abdelkrim Medghar, ein algerischer Staatsbürger, hat von 1997 bis 2005 an der Es- Senia- Universität in Oran (Algerien) Germanistik studiert und dort zwei Abschlüsse (Staatsexamen und Magister) gemacht. Von 2002 bis 2006 hat er als Lehrkraft für Deutsche Literatur an der Deutschabteilung der Es- Senia Universität Oran fungiert. Seit Oktober 2006 ist er Doktorand im Internationalen Promotionsprogramm „Literatur- und Kulturwissenschaft“ (IPP) und seit April 2007 Mitglied des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC). Sein Promotionsthema beschäftigt sich mit der Rezeption arabischer Gegenwartsliteratur des Maghreb im deutschsprachigen Raum.
Die Vorlesung "Intertextuelle Dialoge zwischen Romanen" soll Ihnen die verschiedenen Intertextualitätskonzepte, die Sie am Anfang der Vorlesungsreihe kennengelernt haben, wieder in Erinnerung rufen und deren Anwendung auf zwei miteinander in Dialog stehende Romane vorführen. Es handelt sich um Romane der Geschwister Robert Menasse (Die Vertreibung aus der Hölle, 2001) und Eva Menasse (Vienna, 2005). Dabei erhalten Sie zudem eine kurze Einführung in das noch recht junge Phänomen der sogenannten ‚deutsch-jüdischen Literatur der zweiten Generation’, also der Nachkommen von Überlebenden der Shoah, und deren intertextuelle Bezugnahmen auf die erste Generation, also auf Literatur der Überlebenden selbst. Darüber hinaus lassen sich intertextuelle Bezüge auch zur Literatur jüdischer Autorinnen und Autoren der ‚zweiten Generation’ in anderen Ländern finden.
Mirjam Bitter studierte in Marburg, Venedig und Berlin "Neuere Deutsche Literatur“ und „Italienisch" und machte im Februar 2006 ihren Magisterabschluss. Nach einem Volontariat im Wagenbach Verlag und freier Mitarbeit für das Auswärtige Amt, arbeitet sie seit April 2008 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften und betreut dort das Rezensionsmagazin KULT_online sowie weitere Publikationen des GCSC. Im Rahmen ihrer Dissertation untersucht sie den Zusammenhang von Gedächtnis und Geschlecht in der Literatur deutsch-jüdischer und italienisch-jüdischer Autorinnen und Autoren der Gegenwart.
Der Kontakt zwischen den verschiedenen Genres Roman und Brief führt in der Literatur zum Formexperiment des Briefromans. Als bekanntestes Zeugnis dieser Transfusion mag für das 18. Jahrhundert der Werther (1774) von Johann Wolfgang von Goethe gelten. Die Vorlesung richtet den Blick jedoch zurück auf frühere Formen dieses Experiments und geht den Spuren nach, wie Roman und Brief zueinander finden.
Im Zentrum stehen zwei Autoren August Bohse alias Talander (1661-1740) und Christian Friedrich Hunold alias Menantes (1680-1721), deren Werk nicht nur die intensive Beschäftigung mit Darstellungs- und Wirkungsweisen des Romans, sondern auch des Briefes umfasst. So genannte ‚Briefsteller’ dienen im 17. und 18. Jahrhundert der Anleitung, ‚höfflich und galant zu sprechen und zu schreiben’. Sie vermitteln damit spezifische Sprach- und Verhaltensideale, die sich über den Brief auch in den Roman einspeisen bzw. über den Roman zum Vorbild der Briefgestaltung werden. Auf literarische Weise illustrieren Romane und Briefe das Bild einer ‚galanten Conduite’, des erlernbaren Sprechens und Verhaltens, das bald zum Vorbild ganzer Gesellschaftsschichten wird.
Katja Barthel studierte in Leipzig und Lyon Germanistik und Kulturwissenschaften. Seit 2007 promoviert sie am GCSC und am IPP zum Thema „Narrative Inszenierungen bürgerlicher Weiblichkeit im galanten Roman (1680-1770) im Spannungsfeld gattungs- und genderspezifischer Kontroversen“. Im Auftrag des Literaturmuseums ‚Gellert Museum Hainichen’/Sachsen verfasste sie 2005/2006 drei literatur- und kulturhistorische Publikationen zur Aufklärung und erhielt dafür den Mitteldeutschen Historikerpreis 2006.
Christiane Nowak, 30.01.
Christiane Nowak, geboren 1978 in Erfurt, studierte Neuere deutsche Literatur, Politikwissenschaft, Publizistik und Deutsch als Fremdsprache in Münster, Bordeaux und an der FU Berlin. 2004 beendete sie ihr Studium mit einer Magisterarbeit zur Angestelltenthematik in Martin Kessels Roman „Herrn Brechers Fiasko“ von 1932. Anschließend unterrichtete sie als DAAD-Sprachassistentin an der Universität Breslau Interkulturelle Kommunikation. Zur Zeit promoviert sie am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Thema „Die Kleinstadt als Handlungsraum in Romanen von 1900 bis 1939“ und ist Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Kristina Köhler, 28.11.
„Es gibt kein anderes Mittel als das Kino. Was ist daneben das Buch? Was ist daneben das Theater?“ fragt der deutsche Schriftsteller Carlo Mierendorff 1920 provokant. Während Mierendorff den Film in Abgrenzung zu Literatur und Theater bestimmt, sehen viele seiner Zeitgenossen im Film jene „Siebente Kunst“, in der alle Künste zusammenlaufen, um ihr künstlerisches Potenzial zu vereinen. Gemeinsam ist diesen frühen filmtheoretischen Überlegungen, dass sie den Film – sei es in Abgrenzung oder über Analogisierungen – stets über intermediale Bezüge auf andere Künste und Medien zu definieren suchen.
Am Beispiel der Literaturverfilmung soll schließlich ganz konkret analysiert werden, welche Formen von Texten (von der Literaturvorlage, über das Drehbuch, bis hin zum nachträglich veröffentlichten „Buch zum Film“) in und um Filme am Werk sind und wie definitorische Grenzsetzungen von Literatur und Film durch intertextuelle Verschränkungen unterlaufen werden.
Als Stipendiatin der Deutsch-Französischen Hochschule studierte Kristina Köhler Medien-, Film- und Kulturwissenschaften in Brüssel, Weimar und Lyon. Nach Abschluss des deutsch-französischen Doppeldiplom-Studiums war sie 2007 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am International Graduate Centre for the Study of Culture der JLU Giessen tätig und begann ihre Promotion zu intermedialen Schnittstellen von Film und Tanz am Giessener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften.
Dieses Dissertationsprojekt setzt sie seit 2008 als wissenschaftliche Assistentin und Lehrbeauftragte am Filmwissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich fort, wo sie auch das Peer-Mentoring-Projekt „FilmWissen“ leitet.
Daneben ist sie als freie Journalistin und Übersetzerin, sowie in der Öffentlichkeitsarbeit und Dramaturgie für Kulturinstitutionen und Tanzcompagnien tätig.