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Geschichte/Kunstgeschichte Wintersemester 2008/2009

TuerenGCSC-DoktorandInnenringvorlesung
„Neuere Konzepte und Fragestellungen in den Geschichts- und Kulturwissenschaften“



WS 08/09
Leitung: Prof. Dr. Silke Tammen und Prof. Dr. Horst Carl, DoktorandInnen der Geschichts- und  Kulturwissenschaften des Fachbereichs 04 und des GCSC
 Di 18.15 − 19.45 Uhr, A4


Die von DoktorandInnen des Fachbereichs 04 bestrittene Ringvorlesung wird einen Überblick über die Vielfalt neuerer Konzepte der Geschichts- und Kulturwissenschaften, deren „turn and „terms“, ausgehend von konkreten Dissertationsprojekten geben. Die DoktorandInnen stammen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – aus Kunstgeschichte und Geschichte, zwei Disziplinen, die trotz differierenden Erkenntnishorizonten und Diskussionen etwa um eine „historische Bildwissenschaft“ vor einer ähnlichen Herausforderung stehen: Die Grundproblematik einer historisch angemessenen Kontextualisierung und theoretischen Perspektivierung eines Untersuchungsgegenstandes soll daher auch weniger fortgeschrittenen Studierenden vermittelt werden. Das Themenspektrum ist breit und wird aus den Dissertationsprojekten heraus Fragen nach Raum- und Blickkonzepten, nach Geschlecht und Habitus, Memoria  und Wissenskulturen, nach Kulturtransfer und Transnationalität, nach neueren mediengeschichtlichen Ansätzen und dem Bild in rezeptionsästhetischen, frömmigkeitsgeschichtlichen, intermedialen und transkulturellen Perspektiven stellen.


Literaturhinweise:

Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuoreintierungen in den Kulturwissenschaften, 2. Aufl. Hamburg 2007.

Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorie, Praxis, Schlüsselwörter, 5. Aufl. Frankfurt 2006.





Geschichte - Nicht modularisiertes Lehrangebot
Kunstgeschichte - Nicht modularisiertes Lehrangebot

 


Programm

Download des Programms

 

14.10. Prof. Dr. Horst Carl und Prof. Dr. Silke Tammen: Einführung

 

Fächerverständnis im Wandel

21.10. Caroline von Nicolai (Vor- und Frühgeschichte):

„Jäger des verlorenen Schatzes“?

Prähistorische Archäologie zwischen „vaterländischer Altertumskunde“ und historischer Kulturwissenschaft

 

Ereignisse, Bilder, Medienbilder

28.10. Maike Mügge (Kunstgeschichte)

Ereignis, Bild, Erinnerung − Zeitgenössische Denkmäler als kunsthistorische Gattung

 

Medien in der Geschichte – Mediengeschichte

04.11. Florian Schnürer (Neue Geschichte)

„Wann seit der grauesten Vorzeit wäre jemals ritterlicher gestritten worden!“ Der Luftkrieg im Ersten Weltkrieg als transnationales Medienereignis

 

Bilder vergangener Kulturen verstehen − Mittelalter

11.11. Saskia Hennig von Lange (Kunstgeschichte)

Bilder wahrnehmen − Wie der Rahmen den Blick lenkt

 

18.11. Moritz Jäger (Kunstgeschichte)

Zu viele Bilder? Mittelalterliche Bilder und Bildsysteme

 

Zwischenspiel: Die kulturwissenschaftliche Kategorie „Raum“ I

25.11. Jan Philipp Altenburg (Neue Geschichte)

Stadt – Raum – Macht: Philadelphia 1920. Raumtheoretische Zugriffe der stadthistorischen Forschung

 

Bilder vergangener Kulturen verstehen – Bild und Ideologie in Korea

02.12. Hehn-Chu Ahn (Kunstgeschichte)

Konstruktionen eines imaginären Kollektivs. Ostasiatische Holzschnitt-Illustrationen aus Moralhandbüchern des 16. Jahrhunderts

 

Bilder vergangener Kulturen verstehen – Intermedialität in der Antike

09.12. Mario Baumann (Gräzistik)

„Die Säulenhalle glänzte von allen Steinen, die dem Luxus behagen, ihr größter Schmuck aber waren in die Wände eingelassene Gemälde" – Der Gebildete in der Galerie, oder: Bild und Text im 3. Jh. n. Chr.

 

Zwischenspiel: Die kulturwissenschaftliche Kategorie „Raum“ II

16.12. TERMINÄNDERUNG: Tina Bawden (Kunstgeschichte)

„Ante Portas“. Raum, Wahrnehmung und der bewegte Betrachter – zentrale Konzepte einer (mittelalterlichen) Bildwissenschaft
am 10.02.

 

Geschichte und Sozialwissenschaften im kulturwissenschaftlichen Dialog − „Networking“

13.01. Neill Busse (Neue Geschichte)

Netzwerke in der Geschichte. Sozial- und kulturgeschichtliche Zugänge am Beispiel von Justus Liebig und seinen Schülern

 

Geschichte und Sozialwissenschaften im kulturwissenschaftlichen Dialog – Arbeit mit Konzepten Bourdieus

20.01. Ingo Trüter (Neuere Geschichte):

„Ohne Onkel Martin hätte Johannes es nie geschafft“ – oder: Welche Kapitalien wirklich zum Erfolg führen

 

27.01. Sandra Börngen (Geschichte/Kunstgeschichte)

Konzepte künstlerischer Kreativität – Auf der Spur eines Habitus südafrikanischer Künstler im 20. Jahrhundert

 

„Wissenskulturen“ – europäische Denkmuster in afrikanischen Kontexten

03.02. Daniel Stange (Neue Geschichte)

Auf der Suche nach Legitimität und Deutungshoheit: Autobiographien und Geschichtswissenschaft in Kenia

 

10.02. Tina Bawden (Kunstgeschichte)

„Ante Portas“. Raum, Wahrnehmung und der bewegte Betrachter – zentrale Konzepte einer (mittelalterlichen) Bildwissenschaft

 



„Jäger des verlorenen Schatzes“? Prähistorische Archäologie zwischen „vaterländischer Altertumskunde“ und historischer Kulturwissenschaft

Caroline von Nicolai, 21.10.

Häufig werden Archäologen von den Medien als furchtlose, den Dschungel durchstreifende Schatzjäger oder aber als weltfremde Scherbenzähler im stillen Studierkämmerlein dargestellt. Keines dieser beiden Klischees entspricht der Wirklichkeit: die prähistorische Archäologie oder Vor- und Frühgeschichte verfügt über wissenschaftliche Methoden und erforscht die Geschichte aller nicht-schriftkundigen Kulturen der Erde, von der Entstehung der Menschheit bis ins Mittelalter. Nichtsdestotrotz ist das Fach seit seiner Entstehung im frühen 19. Jahrhundert immer in die politischen und gesellschaftlichen Diskurse der jeweiligen Zeit eingebettet gewesen. Beispielhaft möchte die Vorlesung daher zum einen die Rolle der prähistorischen Archäologie als „vaterländische Altertumskunde“ bei der Konstruktion nationaler Identitäten im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland und Frankreich erläutern, wie etwa die Instrumentalisierung des Faches durch die Nationalsozialisten. Zum anderen soll ein aktuelles Forschungsvorhaben zur Entstehung früher Städte in der späten Eisenzeit Mitteleuropas (2.-1. Jh. v. Chr.) zeigen, welche Interpretationsmöglichkeiten sich durch eine kulturwissenschaftliche Herangehensweise eröffnen.

Caroline von NicolaiCaroline von Nicolai studierte Vor- und Frühgeschichte (Prähistorische Archäologie), Alte Geschichte, Provinzialrömische Archäologie und Ägyptologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Université de Paris I Panthéon-Sorbonne und der Universität Leipzig. Seit 2007 ist sie Stipendiatin am GCSC und promoviert am Institut für Altertumswissenschaften der JLU Gießen bei A. Klöckner und an der École Pratique des Hautes Études Paris bei S. Verger zum Thema „Sichtbare und unsichtbare Grenzen. Zur Funktion späteisenzeitlicher Befestigungsanlagen“. Außerdem ist sie Mitglied des Laboratoire „Archéologies d’Orient et d’Occident“ der École Normale Supérieure Paris und des Centre National de la Recherche Scientifique.




Ereignis, Bild, Erinnerung − Zeitgenössische Denkmäler als kunsthistorische Gattung

Maike Mügge, 28.10.

Denkmäler stehen stets in einem Spannungsverhältnis zwischen Form und Funktion. Die im Rahmen eines Wettbewerbs oder eines Auftrags entwickelte Form soll als Medium einer detaillierten Geschichtsschreibung dafür einstehen, dass eine Eindeutigkeit des zu Erinnernden eingelöst wird. Das baulich realisierte Objekt soll eine unmissverständliche und lesbare Bedeutung formulieren. Mit dem Auftreten des ungegenständlichen Denkmals im 20. Jahrhundert gerät dieses Verhältnis in eine Krise, steht doch die konzeptuelle Offenheit der Ungegenständlichkeit diesem Anspruch scheinbar entgegen. Wenn die ungegenständliche Form die Eindeutigkeit des zu Erinnernden nicht einlösen kann, so stellt sich für die kunsthistorische Forschung die Frage, mit welchen Strategien der Bedeutungsproduktion diese Denkmäler dennoch ihre Funktion, nämlich eindeutig zu erinnern, erfüllen können. Dieser Frage geht die Vorlesung am Beispiel des Berliner „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ und der um dessen Errichtung geführten öffentlichen Debatte nach. Semiotik und Performativität werden als methodische Kontexte herangezogen, um eine Wechselwirkung zwischen massenmedialer Kommunikation und Präsenzerfahrung aufzuzeigen.

Maike MüggeMaike Mügge M.A. studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Theaterwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Seit November 2006 arbeitet sie als Stipendiatin des Graduiertenkollegs „Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ (JLU Giessen) an einem kunsthistorischen Dissertationsprojekt zum „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, das von Frau Prof. Dr. Silke Tammen, JLU Giessen, betreut wird.





„Wann seit der grauesten Vorzeit wäre jemals ritterlicher gestritten worden!“ Der Luftkrieg im Ersten Weltkrieg als transnationales Medienereignis

Florian Schnürer, 04.11.

In den vergangenen beiden Jahren hatte der Luftkrieg des Ersten Weltkrieges in den Medien Hochkonjunktur. Kurz nacheinander kamen die Filme „Flyboys“ (2006) und „Der Rote Baron“ (2008) in die Kinos. Daraus wird deutlich, wie populär noch heute die so genannten „Ritter der Lüfte“ sind. Dabei wird der Luftkrieg im Gegensatz zu den Grabenkämpfen am Boden stark romantisiert. Nur in der Luft schienen ‚saubere’ und ‚faire’ Kämpfe möglich gewesen zu sein. Ihren Ausgangspunkt hat diese Deutung bereits in der Zeitungsberichterstattung der Kriegsjahre, in der die Flieger zu sportlichen, ritterlichen Draufgängern stilisiert wurden. Die transnationale Perspektive, deren Nutzen und Probleme ebenfalls angesprochen werden sollen, macht deutlich, dass dieses Phänomen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Nationen zu beobachten ist. Der Vortrag geht der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass die Berichterstattung über den Luftkrieg aus der Gesamtdarstellung des Krieges scheinbar losgelöst wurde und erbitterte Kriegsgegner auch über die Leistungen feindlicher Flieger berichteten.

Florian SchürerFlorian Schnürer wurde 1978 in Frankfurt am Main geboren. Von 1998 bis 2005 studierte er die Fächer Mittlere und Neuere Geschichte, Politologie, Soziologie sowie Fachjournalistik Geschichte an der Justus-Liebig Universität Gießen. Seit April 2005 arbeitet der Doktorand als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der JLU im Bereich „Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung des 19. und 20. Jahrhunderts“. Gleichzeitig ist er im Graduiertenkolleg „Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ assoziiert. Das Thema seiner von Prof. Dr. Friedrich Lenger betreuten Dissertation lautet: „Der Luftkrieg im Ersten Weltkrieg als transnationales Medienereignis: Die Berichterstattung deutscher, englischer und französischer Zeitungen im Vergleich“.

Bilder wahrnehmen – Wie der Rahmen den Blick lenkt

Saskia Hennig von Lange, 11.11.

Die Vorlesung soll Fragen nach der Bildwahrnehmung, also dem nicht immer leicht zu durchschauenden Spiel zwischen Bild und Betrachter nachgehen. Die Annahme ist, dass bei diesem komplexen Vorgang zwischen Bild (picture), Welt und Betrachter, dessen Ergebnis erst die Produktion eines Bildes (image) ist, dem Rahmen eine nicht zu unterschätzende Funktion zukommt: Spielt doch der Rahmen eine, wenn nicht die maßgebliche Rolle sowohl bei der Erzeugung als auch bei der Identifizierung eines Bildes als Bild. Wie der Rahmen den Blick des Betrachters zu lenken in der Lage ist, welche Bedeutung er für die Wahrnehmung eines Bildes hat und auch, wie er dafür instrumentalisiert werden kann, will die Vorlesung anhand vor allem spätmittelalterlicher Beispiele zeigen. Dazu sollen nicht nur Überlegungen zu mittelalterlichen Bild- und Wahrnehmungstheorien und aktuellen Ansätzen und Methoden der Bildwissenschaft/Kunstgeschichte herangezogen, sondern auch Theorien anderer Disziplinen in den Blick genommen werden.

Saskia Hennig von LangeSaskia Hennig von Lange studierte Angewandte Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen; seit 2005 promoviert sie dort bei Prof. Dr. Silke Tammen über „Die Figuration der Bildgrenze als Einschnitt und Übergang. Erscheinung, Gestalt und Funktion mittelalterlicher Rahmensysteme“.




Zu viele Bilder? Mittelalterliche Bilder und Bildsysteme

Moritz Jäger, 18.11.

Kirchenwände, die über und über mit Bildern versehen, Altäre, die szenenreich Heiligenviten erzählen, ja selbst Reliquiare und kirchliches Gerät, wie Kelche, Bischofstäbe oder Mantelschließen strotzen nur so vor Bildern – das ist typisch Mittelalter! Gemeinhin wird diese Bilderflut auf den Horror vacui, die Angst vor der leeren Fläche zurückgeführt. In der Vorlesung soll nun exemplarisch gezeigt werden, dass hinter diesen vielen (für den heutigen Geschmack vielleicht zu vielen) Bildern durchaus System steckt. An einigen konkreten Beispielen, wie der bemalten Holzdecke der Kirche St. Martin in Zillis oder einem kleinen Dornenreliquiar aus dem Besitz der französischen Könige, soll gezeigt werden, wie man sich in diesen vielen Bildern zurecht finden kann, wie sie „gelesen“ und verstanden werden wollen. 

Moritz Jäger studierte an der Justus-Liebig Universität Gießen Kunstgeschichte und Mittlere und Neuere Geschichte und beschäftigt sich seit 2007 im Rahmen seiner Dissertation im Fach Kunstgeschichte mit Andachtsschmuck an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Die Dissertation wird von Prof. Dr. Silke Tammen betreut.

Stadt - Raum - Macht: Philadelphia 1920.  Raumtheoretische Zugriffe der stadthistorischen Forschung.

Jan Philipp Altenburg, 25.11.

Städtischer Raum ist immer auch umkämpfter Raum. Proteste gegen den Bau von Moscheen in deutschen Städten als Symbole "unchristlicher" Werte oder Diskussionen um die staatliche Überwachung öffentlicher Plätze sind Ausdruck komplexer Aushandlungsprozesse um Macht, Identität, Selbst- und Fremdbestimmung. Die Bedeutung des Raumes geht hierbei weit über die eines bloßen Schauplatzes von Ereignissen hinaus, der Raum ist maßgeblicher Bestandteil solcher Auseinandersetzungen. Mit der Frage, wie sich die Funktion des Raumes analytisch und theoretisch fassen lässt, hat sich unter anderem der linke Sozialtheoretiker Henry Lefebvre auseinandergesetzt und sein Modell von der "Produktion des Raumes" findet Anwendung in der geographischen, soziologischen und historischen Forschung. Anhand der durch Korruption und Segregation gezeichneten Stadt Philadelphia in den 1920er Jahren, soll die Anwendung dieses theoretischen Modells an einem konkreten Beispiel vor Augen geführt werden.

Jan Philipp AltenburgJan Philipp Altenburg ist seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er schloss sein Studium der Geschichtswissenschaft mit den Nebenfächern Germanistik und Vor- und Frühgeschichte in Gießen, Marburg und Münster im Jahr 2006 ab. Im gleichen Jahr begann er bei Prof. Dr. Friedrich Lenger sein Dissertationsprojekt zur Aneignung des Stadtraumes, in dem er das Großstadtleben in Philadelphia und Frankfurt am Main in den 1920er Jahren untersucht. Seit 2007 ist er außerdem Mitglied des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Justus-Liebig-Universität Gießen. 2008 erhielt er ein Stipendium am Deutschen Historischen Institut in Washington DC, das ihm einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt in den USA ermöglichte.


Konstruktionen eines imaginären Kollektivs. Ostasiatische Holzschnitt-Illustrationen aus Moralhandbüchern des 16. Jahrhunderts

Hehn-Chu Ahn, 02.12.

Während des 16. Jahrhunderts, der Blütezeit des Drucks im ostasiatischen Raum, breiteten sich neokonfuzianische Moralhandbücher unter dem Einfluss der Machthaber in China, Korea und Japan weit aus. In den präskriptiven Handbüchern wurden Verhaltensregeln für Mann (Vater), Frau (Mutter) und Kind (Sohn/Tochter) in Schrift und Bild veranschaulicht. Die Biographien von besonders tugendhaften Landsleuten aus verschiedenen Gegenden des jeweiligen Reiches sowie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten wurden in den Büchern zusammengetragen. Jeder Erzählung wurde ein Bild beigefügt. Besonders die Figuren in den Holzschnitt-Illustrationen wurden zu abstrakten Idealfiguren nach konfuzianischem Vorbild stilisiert und ergaben in der Serie eine „Entität“ – ein imaginäres Kollektiv in einer politisch-ethischen Form. In der Vorlesung wird der Frage nachgegangen, auf welche Weise die Handbücher ein normatives Selbstbild lieferten, das notwendig für die visuelle Konstruktion und Kontinuität einer kollektiven Identität war.

Hehn-Chu AhnHehn-Chu Ahn
absolvierte ihren Magisterabschluss in Kunstgeschichte an der Universität Hamburg 2005 mit einer Arbeit zum Thema Julius Bissiers Tuschen. Das Paradigma der Leere erlangt. Im Jahre 2006 war sie als Doktorandin am Institut der Kunstgeschichte für Ostasien an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg tätig. Seit 2007 ist sie im Graduiertenkolleg „Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ an der Justus-Liebig-Universität Giessen als Stipendiatin aufgenommen worden. Das Dissertationsprojekt Die visuelle „Propagierung“ des Neokonfuzianismus in den Holzschnitt Illustrationen des frühen Choson-Reiches wird von Frau Prof. Dr. Silke Tammen betreut.


„Die Säulenhalle glänzte von allen Steinen, die dem Luxus behagen, ihr größter Schmuck aber waren in die Wände eingelassene Gemälde" – Der Gebildete in der Galerie, oder: Bild und Text im 3. Jh. n. Chr.

Mario Baumann, 09.12.

Die Eikones (zu Deutsch: Bilder) des Philostrat (ca. 170-245 n. Chr.) treiben die in der antiken Literatur häufig eingesetzte Kunst der Bildbeschreibung auf die Spitze: Dieser Text besteht vollständig aus einer langen Reihe von Gemäldebeschreibungen, die sich nach Auskunft des Vorwortes auf die Bilder einer Galerie beziehen. Mit dieser intermedialen Konstellation beschäftigt sich diese Vorlesung. Ausgehend von einem Blick auf den kulturellen Kontext der Eikones – das kulturelle Leitkonzept der damaligen Zeit ist die Bildung – stehen zwei Fragen im Mittelpunkt: Wie geht der Sprecher der Eikones als gebildeter Betrachter mit den Gemälden um? Und was ist das für ein Text und damit ein imaginativer Raum, den er in Auseinandersetzung mit den Bildern schafft? Bemerkenswert ist an den Eikones vor allem, dass sie den Leser mit einer Ästhetik der Vielfalt, ja der Widersprüche konfrontieren. Diese Vielfalt nachzuzeichnen und dabei zu untersuchen, wie aus literaturwissenschaftlicher Sicht mit einem solchen Befund umgegangen werden kann, ist wesentliches Anliegen dieser Vorlesung.

Mario BaumannMario Baumann studierte von 2001-2006 Klassische Philologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der JLU Gießen. Nach seinem Abschluss war er zunächst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Gießener SFB Erinnerungskulturen tätig. Seit Herbst 2006 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Altertumswissenschaften der JLU bei Prof. Dr. Peter von Möllendorf (Griechische Philologie). Er arbeitet gegenwärtig an seiner Dissertation zum Thema „Die schöne Padeia. Bildung und ästhetisches Programm in Philostrats Eikones“. Das Projekt wird betreut von Prof. Dr. Peter von Möllendorff.







Netzwerke in der Geschichte. Sozial- und kulturgeschichtliche Zugänge am Beispiel von Justus Liebig und seinen Schülern

Neill Busse,  13.01.

Personale Netzwerke erfahren seit wenigen Jahren in den Medien, aber auch in der Wissenschaft zunehmende Aufmerksamkeit: „Netzwerk“ und „Networking“ sind – nicht zuletzt durch Online-Plattformen – zu gängigen Wahrnehmungs- und Beschreibungskategorien der sozialen Welt geworden. In der Geschichte allerdings gab es in allen Epochen immer schon eng verflochtene Personenverbände, die unter je verschiedenen Fragestellungen und mit unterschiedlichen Methoden Gegenstand von Untersuchungen waren. Anhand verschiedener Beispiele sollen zum einen die Traditionslinien der Prosopographie, also der Personengeschichtsschreibung als kollektiver Biographie aufgezeigt werden, und dann zum anderen die Netzwerkanalyse als sozialwissenschaftliches Instrument zur Analyse solcher Personengruppen vorgestellt werden. Gerade für die Wissenschafts- und Universitätsgeschichte sind personale Netzwerke von herausragender Bedeutung. Daher sollen Ihnen insbesondere am Beispiel der „Liebigschule“, dem weit verzweigten und höchst erfolgreichen Netzwerk der Schüler des Namenspatrons unserer Universität, die Möglichkeiten und Chancen einer Verknüpfung von sozialgeschichtlichen Analyseverfahren und kulturgeschichtlichen Fragestellungen aufgezeigt werden.

Neill BusseNeill Busse studierte an der JLU Gießen und der University of Bristol Mittlere und Neuere Geschichte, Fachjournalistik, Anglistik und Politikwissenschaften. Nach dem Examen (Magister Artium) begann er 2006 seine Promotion im Fach Geschichte zum Netzwerk der Schüler Justus Liebigs. Nach Stationen am Graduiertenkolleg Transnationale Medienereignisse und im Universitätsarchiv Gießen arbeitet er seit August 2007 am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC), wo er seit Juni 2007 Mitglied ist. Daneben Lehrtätigkeit am Historischen Institut.



„Ohne Onkel Martin hätte Johannes es nie geschafft“ – oder: Welche Kapitalien wirklich zum Erfolg führen

Ingo Trüter, 20.01.

Der Beitrag will sich mit zwei soziologischen Konzepten befassen, die einander stark bedingen und ergänzen. Aus Pierre Bourdieus umfangreichen „Entwurf einer Theorie der Praxis“ sollen die Kapitalsorten genauer betrachtet und historisiert werden. Freilich können diese nicht von seinem Gesamtkonzept isoliert werden, so dass auch Begriffe wie Feld, Habitus und Lebensstil Erwähnung finden werden. Nicht nur ökonomisches, sondern auch kulturelles und soziales Kapital spielen in Bourdieus Konzept eine bedeutende Rolle. Doch vor allem dessen vierte und häufig nicht ausreichend beachtete Kapitalform bietet für vormoderne Gesellschaften und vorkapitalistische Wirtschaftsformen viel versprechende Erklärungsansätze: Das symbolische Kapital ist auf einer übergeordneten Ebene anzusiedeln und spiegelt sich in Reputation, Prestige und nicht zuletzt in Vertrauen – ein ursprünglich ebenso soziologisches Konzept, dem mittlerweile auch in der Geschichtswissenschaft eigene Bücher gewidmet werden. In diesem Beitrag soll gezeigt werden, wie viel analytischen Mehrwert symbolisches Kapital und Vertrauen für die Erforschung der Gesellschaft an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit bieten.

Ingo TrüterIngo Trüter studierte an der Georg-August-Universität in Göttingen Geschichte und Französisch und schloss im Juli 2007 mit dem ersten Staatsexamen ab. Der Titel seiner Examensarbeit lautete Bildung, Beziehung und Beruf. „Karriere“ in Egodokumenten spätmittelalterlicher Gelehrter. Im Oktober 2007 wurde er Mitglied am International Graduate Centre for the Study of Culture in Gießen und erhielt ebenda ein Promotionsstipendium. Der Arbeitstitel seines Dissertationsprojekts lautet: „Gelehrtenhabitus“ um 1500 – oder: Wie stifteten Akademiker sich Identität(en)? Betreut wird das Projekt von Prof. Dr. Christine Reinle.



Konzepte künstlerischer Kreativität – Auf der Spur eines Habitus südafrikanischer Künstler im 20. Jahrhundert

Sandra Börngen, 27.01.

Um kaum eine Berufsgruppe ranken sich mehr Mythen als um die der Künstler. In der Vorlesung werden diese Künstlermythen und die damit verbundenen Vorstellungsbilder von Künstlern systematisiert. Im Mittelpunkt steht der Begriff des "Künstlerhabitus" welcher aus der Habitustheorie Pierre Bourdieus abgeleitet wird. Die Vorstellungen, die wir mit Künstlern verknüpfen, sind europäischer Natur. In diesem Beitrag wird nach Künstlerbildern und dem Künstlerhabitus in außereuropäischen Gesellschaften gefragt. Am Beispiel Südafrika soll die “kreative Individualität” eines afrikanischen Landes entfaltet werden. Als ehemalige europäische Kolonie hatte das Land stets einen europäischen Bezugspunkt. Dies gilt ganz besonders für die Kunst, denn die moderne Galerie hat als solche im 20. Jahrhundert den Raum für Kunst kolonialisiert. Insofern treffen in Südafrika afrikanische und europäische Vorstellungen von künstlerischer Tätigkeit aufeinander. An distinkten Künstlertypen wird die Annäherung an einen südafrikanischen Künstlerhabitus versucht.

Sandra BörngenSandra Börngen studierte von 2000 bis 2006 Kulturwissenschaften sowie Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig. Mit Kunst und Künstlern Südafrikas beschäftigt sie sich seit einem Auslandssemester an der Universität Stellenbosch im Jahr 2004. Weitere Aufenthalte folgten und im Ergebnis entstand die Magisterarbeit mit dem Titel: „Der südafrikanische Künstler. Eine kulturgeschichtliche Analyse des 20. Jahrhunderts“.
Seit Oktober 2007 ist sie Stipendiatin des GCSC. Ihre Dissertation knüpft an die Magisterarbeit an und analysiert die Kultur- und Sozialgeschichte südafrikanischer Künstler im 20. Jahrhundert. Betreut wird das Projekt von Professor Winfried Speitkamp.

Auf der Suche nach Legitimität und Deutungshoheit: Autobiographien und Geschichtswissenschaft in Kenia

Daniel Stange, 03.02.

Als Quelle der Geschichtswissenschaften sind autobiographische Textformen seit langem umstritten, man versteht sie heute eher als quasi fiktionale Selbststilisierung denn als faktische Beschreibung eines Lebens und dessen Kontexts. Doch gerade in diesem Sinne werden Autobiographien für die Geschichtswissenschaft wieder interessant: Wo sie in größerer Zahl vorliegen, wo sie intensiv rezipiert werden, dort nehmen ihre Leser diese Selbststilisierungen und nicht zuletzt auch die Geschichtsbilder auf, die von den Autoren entworfen werden. Im subsaharischen Afrika nehmen seit der Phase der Dekolonisation (auto-)biographische Textformen eine zentrale Rolle ein im Wettstreit um eine autoritative Geschichte der "jungen" Nation. Es geht dabei nicht allein um die Frage der Darstellung von persönlichem Status und Macht, sondern auch um die Deutungshoheit im Spannungsfeld zwischen "Tradition" und "Moderne", zwischen (Neo-) Kolonialismus und "echter", "afrikanischer" Identität, und nicht zuletzt um literarisches "Nation Building". Autobiographische Textformen sind in diesem Kontext mehr als schlichte "emerging literatures", also als Vorstufe einer "großen Literatur" zu verstehende Textformen: In einem autoritären nachkolonialen Staat eröffnet eine populäre Gattung wie die Autobiographie einen Weg von Geschichts- und Erinnerungskultur jenseits einer offiziösen nationalen Geschichtswissenschaft.

Daniel StangeDaniel Stange, M.A., (*1976) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich 434 „Erinnerungskulturen“ und Doktorand am historischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er studierte Geschichte, Fachjournalistik, Politikwissenschaften und Philosophie in Gießen (2000-2006). Sein von Prof. Dr. Winfried Speitkamp betreutes Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit „Autobiographie in Kenia zwischen Politik und Tradition“. Neben der Geschichte Ostafrikas im 20. Jahrhundert und der Kolonialgeschichte liegen seine Arbeitsschwerpunkte auf der Geschichte der Bildung im östlichen Afrika und der historischen Energieforschung im Rahmen des Gießener SEPA-Arbeitskreises.

 


 

Ante Portas. Raum, Wahrnehmung und der bewegte Betrachter – zentrale Konzepte einer (mittelalterlichen) Bildwissenschaft

Tine Bawden, 10.02.


Dieser Beitrag zur Ringvorlesung beschäftigt sich kritisch mit der Frage, welche Relevanz neue Perspektivierungen im Zuge des spatial bzw. topographical turn für Fragen der Mittelalter-Kunstgeschichte haben.

Die Begriffe „Raum“ und „Wahrnehmung“ sind für die Untersuchungsgegenstände der Kunstgeschichte zentral. Gerade im Mittelalter sind Bilder stark an bestimmte Orte gebunden, ihre Wahrnehmung ist von dieser Ortsgebundenheit abhängig. Am konkreten Beispiel mittelalterlicher Portale wird erörtert, welchen Nutzen eine breitere kulturwissenschaftliche Diskussion für spezifische, in ihrem historischen Kontext zu verortende Bilder hat.

Tine BawdenTina Bawden (geb. 1980 in Regensburg) studierte 1999-2003 Kunstgeschichte, Philosophie und Englische Literaturwissenschaft an der University of Glasgow in Schottland und an der Università degli Studi di Firenze in Italien. Seit 2004 promoviert sie an der JLU im Fach Kunstgeschichte bei Prof. Dr. Silke Tammen über die Schwelle als Bildmotiv und Bildort im Mittelalter. Ihre Arbeit wurde mit einem Graduiertenstipendium der JLU gefördert.