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KULT_online: Levsen, Sonja: Elite, Männlichkeit und Krieg. Tübinger und Cambridger Studenten 1900-1929. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.

Levsen, Sonja: Elite, Männlichkeit und Krieg. Tübinger und Cambridger Studenten 1900-1929. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.
Eine Rezension von:
Florian SchnürerMail
Ausgabe:
Rubrik:
KULT_wissenschaft
Levsen, Sonja: Elite, Männlichkeit und Krieg. Tübinger und Cambridger Studenten 1900-1929. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.
Abstract:
In ihrer mehrfach ausgezeichneten Dissertation geht die Tübinger Historikerin Sonja Levsen der Frage nach, welche Auswirkungen der Erste Weltkrieg auf deutsche und englische gesellschaftliche Eliten hatte. Dabei greift sie zur Methode des historischen Vergleichs und untersucht den Wandel des Elitebildes in der Vor- und Nachkriegszeit am Beispiel von Undergraduates an Cambridger Colleges und Tübinger Studenten in Verbindungen. Durch die Auswertung von Studentenzeitungen in Cambridge, die einen Gesamtüberblick über das Campusleben gaben, und die Schriftzeugnisse verschiedener Tübinger Korporationen kommt sie zu dem Ergebnis, dass vor dem Krieg Gemeinsamkeiten überwogen, während die Einstellungen nach 1918 divergierten. Dies erklärt Levsen mit den Folgen von Sieg und Niederlage.
Rezension:

"Gentlemen" und "unverbildete Burschen" im Mehrebenenvergleich

Die Methode des historischen Vergleichs erfreut sich in den letzten Jahren für wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten einer außerordentlichen Beliebtheit. Werden für gewöhnlich gesellschaftliche Gruppen oder kulturelle Phänomene aus zwei oder mehreren Nationen gegenübergestellt, so umfasst Levsens Studie gleich zwei Ebenen: Zum einen untersucht sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Selbst- und Weltbilder englischer und deutscher Studenten zwischen 1900 und 1929 insgesamt, und zum anderen vergleicht sie die Entwicklungen in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg, um dessen Auswirkungen auf beide Gruppen sichtbar zu machen. Für Tübingen werden Studierende in Studentenverbindungen in den Blick genommen, für Cambridge hingegen Undergraduates in Colleges. Dass dieser Vergleich aufgrund der Unterschiede beider Gruppen nicht ganz unproblematisch ist, räumt Levsen ein, versucht aber die Gemeinsamkeiten zu betonen. Beide, so ihre These, "definierten sich in der Epoche zwischen 1900 und 1929 als nationale Elite und versuchten, sich der Öffentlichkeit als eine solche zu präsentieren" (S. 11f.). Sie werden als "männliche, sozial exklusive akademische Gemeinschaften" bezeichnet, die für "eine gewisse Homogenität durch Mechanismen der Rekrutierung, der Inklusion und Exklusion, Form, Rituale und Intensität des Gemeinschaftslebens sorgten" und auf diese Weise "eine Homogenisierung von Weltanschauung und Wertekanon" (S. 12) erreichten.

Die Darstellung gliedert sich in zwei beinahe gleichlange Teile mit jeweils drei Kapiteln, von denen der erste die Zeit von 1900 bis 1914 umfasst. Hier arbeitet Levsen die Gemeinsamkeiten beider Selbst- und Weltbilder heraus, die auf einem spezifischen Konzept der Männlichkeit und dem daraus erwachsenden Elitedenken beruhten. Während sich die Studierenden in Cambridge als Vertreter der upper class definierten und ihre Exklusivität durch extrem hohe Lebenshaltungskosten (conspicuous consumption) und ein ausgeprägtes individuelles Modebewusstsein betonten, so legten auch die Tübinger Korporierten Wert auf teuren Luxus wie Reiten und repräsentative Feste, um sich von anderen Studierenden abzugrenzen. Allerdings betonten sie ihre Gemeinschaft durch Uniformierung der Kleidung. Großen Wert auf Bildung und Studium legten weder der ‚Cambridge man’ noch der Tübinger Korporierte, wichtiger war die Ausbildung eines spezifisch männlichen Charakters, durch den sich ein Führungsanspruch begründen ließ. Für den ersteren besaß das repräsentative Sozialleben gegenüber der Bildung einen höheren Stellenwert, dem Tübinger Studenten hingegen machten schon die vielen Pflichttermine der Verbindungen ein geregeltes Studium unmöglich.

Wie Levsen argumentiert, spielte bei den Strategien, die zur Konstruktion männlicher Identität angewandt wurden, die Ausgrenzung der Studentinnen an den jeweiligen Universitäten eine wichtige Rolle, aber auch Juden (Tübingen) und Inder (Cambridge) sprach man die spezifische Männlichkeit ab. In Cambridge konnte dieses Ideal durch exzessives Betreiben von Sport in den Collegemannschaften verwirklicht werden, während der Tübinger Student Mensuren fechten und große Mengen an Bier trinken musste, ohne die Körperbeherrschung zu verlieren. Die Erziehung zu Disziplin, Mut und Durchhaltewillen sowie die Unterordnung unter die Gemeinschaft waren für beide Gruppen konstitutiv. Unterschiede gab es jedoch im Körperbild, bei dem der durchtrainierte Cambridger Student dem bierbäuchigen Tübinger gegenüberstand, der seine Männlichkeit durch ‚Schmisse’ bewies. Beide Studentengruppen definierten ihre Identität zudem durch "einen engen Bezug zur Nation" (S. 123), für die sie auch mit ihrem Leben einzustehen bereit waren. Dabei mischten sich Kriegsbereitschaft und die Pflege militärischer Tugenden bei beiden Gruppen. In Cambridge sollte die sportliche Ertüchtigung im ‚Officer Training’ die körperlichen Voraussetzungen für den Kriegseinsatz schaffen, ohne dass dort der Heldentod auf ähnliche Art heroisiert wurde wie in Deutschland. Damit stellt sich Levsen gegen den älteren Forschungskonsens, demzufolge Sport eher als Zeichen einer friedlichen Gesellschaft angesehen wurde.

Im zweiten Teil, der die Entwicklung der Nachkriegsjahre bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 abhandelt, fokussiert Levsen die Folgen von Sieg und Niederlage und die daraus abgeleiteten Unterschiede für die Entwicklung beider Studentengruppen. Es wird gezeigt, dass sich studentische Identitätskonstruktionen durch den Einfluss des Ersten Weltkrieges wandelten, aber gleichzeitig versucht wurde, an Traditionen festzuhalten. An beiden Universitäten waren hohe Verluste zu beklagen, jedoch war die soziale Lage in Cambridge und Tübingen von großen Unterschieden geprägt und dadurch bedingt änderten sich auch die Selbstbilder. Nur in Cambridge konnte man am luxuriösen Lebensstil festhalten, während die Tübinger Studentenverbindungen verarmt waren. Obwohl Gemeinschaftsrituale wie Fechten, Reiten und Feiern stark eingeschränkt oder gar eingestellt werden mussten, hielt man am Gemeinschaftsleben fest. Gleichzeitig sah man sich als Teil der ‚Volksgemeinschaft’. Bummelstudenten waren an beiden Universitäten zunehmend verpönt, die Bildung wurde wichtiger und rechtfertigte nun soziale Elite. Zudem zeigten beide Studentengruppen größeres Interesse an Politik.

Levsen kann außerdem zeigen, dass sich in der Nachkriegszeit die Definition von Männlichkeit änderte. Die Gegnerschaft zum Frauenstudium blieb zwar bestehen, aber ihre Dominanz ließ nach. In Cambridge fächerten sich die Männlichkeitsideale der Vorkriegszeit auf, Levsen spricht hier von einer "Individualisierung" (S. 246). Teamsport spielte eine geringere Rolle, die Studenten wandten sich den in der Vorkriegszeit ausgegrenzten Kommilitoninnen zu, ohne eine komplette Gleichberechtigung erreichen zu wollen. Tanzabende mit Frauen galten auch in Tübingen als unverzichtbarer Bestandteil des Verbindungslebens, ohne aber die Kontinuität der Männlichkeitsideale in gleicher Weise einzuschränken wie in Cambridge. Vielmehr hielt man am Ideal des männlichen Charakters fest, den man durch gemeinsames Sporttreiben zu formen gedachte. Ziel war es nicht nur, den Körper zu stählen, sondern auch, auf diese Weise den Wehrdienst zu ersetzen.

Ausführlich geht Levsen auf die unterschiedliche Sinnstiftung ein, die Siegern und Besiegten den Umgang mit dem Massensterben im Krieg erleichtern sollte. In Tübingen sah man sich als Nachfolger der Gefallenen, die in einem künftigen Krieg erst deren Aufgabe zu Ende führen und Nation wie Volk befreien müssten. Levsen erklärt dies überzeugend mit der Kriegsniederlage und der turbulenten Nachkriegszeit in Deutschland. So waren Tübinger Studenten aktiv an der Bekämpfung der Räterepublik beteiligt, das Bild des stets einsatzbereiten Soldaten verfestigte sich. In der Folge sank die Hemmschwelle für Gewaltanwendung, vor allem wenn es gegen Bolschewisten und die verhasste Weimarer Republik ging. Demgegenüber sah man sich in Cambridge für den Erhalt des Friedens in die Pflicht genommen, die Ideen des Internationalismus und des Völkerbunds traten neben das Empire. Während hier der Sieg einen Wandel des Nationsbildes unnötig machte, wandte man sich in Tübingen zunehmend aggressiven völkischen Ideen zu.

Insgesamt hat Sonja Levsen eine gut lesbare und überzeugend argumentierende Darstellung vorgelegt. Durch ihren stringenten Aufbau und die klar strukturierte Gliederung ist es ihr gelungen, die verschiedenen Ebenen ihres Vergleichs ständig miteinander zu verknüpfen. Jedoch überzeugt die Begründung, den Endpunkt der Untersuchung an der Weltwirtschaftskrise festzumachen, nicht wirklich. Ein Ausblick auf die wichtigsten Veränderungen des Elitebildes für die Zeit nach 1929 hätte das Argument vielleicht plausibler gemacht. Zudem erfährt man nur auf wenigen Seiten etwas über Kriegseinsatz und -erlebnis der Studenten. Die Begründung, dass der Schwerpunkt der Untersuchung "auf der Bildung von Identitäten durch das studentische Gemeinschaftsleben" liege und dieses im Krieg "weitgehend" (S. 17) ausfällt, vermag nur bedingt zu befriedigen. Zumal Levsen selbst in ihrer Darstellung betont, dass das Kriegserlebnis sehr stark auf die Gemeinschaft und die Elitebilder an beiden Universitäten nach 1918 einwirkte. Trotz dieser Einwände kann die Lektüre des Bandes wärmstens empfohlen werden, da er zeigt, wie sich Selbst- und Weltbilder gesellschaftlicher Eliten aufgrund der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (George F. Kennan) änderten, ohne eine komplette Verwandlung durchzumachen. Die Diskussion darüber, ob der Erste Weltkrieg tatsächlich Zäsurcharakter hatte oder eher als Katalysator längerfristiger Entwicklungen gedeutet werden muss, vermag Levsen nicht zu beenden. Aufgrund ihrer Ergebnisse wird der Diskurs aber um weitere interessante Facetten bereichert.


Levsen, Sonja: Elite, Männlichkeit und Krieg. Tübinger und Cambridger Studenten 1900-1929. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 170). 411 S. mit 10 Abb., kart. 46,90 €. ISBN 3-525-35151-8


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 9
Einleitung 11

1. Teil: Die Konstruktion einer nationalen Elite, 1900-1914 31

I. Gentlemen und Bildungsbürger 31
A. Gemeinschaft und sozialer Status 32
Cambridge und "class" 36
Die Konstruktion der "upper class university" 44
Korporation und Distinktion 44
Noblesse oblige? Studenten und Soziale Frage 52
B. Erziehungsideale zwischen class und culture 56
Das Gemeinschaftsideal der "sociability" 57
Geselligkeit und Autorität 59
Studium und "intellectual benefits" 65
"Unverbildete" Burschen 74

II. Männergemeinschaften 82
A. Ausgrenzung von Frauen 83
Inszenierung der Geschlechterordnung 85
"The ’Varsity for men and men for the ’Varsity" 87
Sexualität und Männlichkeit 94
B. Wege zur Männlichkeit 100
Männlichkeit und Gemeinschaft 110
"Manly exercises": Körperkult, Gemeinschaft und Männlichkeit in Cambridge 113
Making men 115

III. Führer der Nation 123
A. Die Konstruktion einer nationalen Elite 123
Mensur und Krieg 123
Sport und soldatisches Ideal in Cambridge 126
Männlichkeit und Gewalt 134
Verbindungen als nationale Gesinnungsgemeinschaften 137
"The nation, and therefore, the university" 145
Eine imperiale Elite 149
Vaterland der Feinde? 155
"Race" and "Empire" 159
Nation und Rasse 165
B. Krieg als Gesinnungsprobe 171
"The call came, and the call was answered" 175
Die Universität in feldgrau 178
Kriegsende 187

2. Teil: Elite im Wandel: Die Konstruktion des "neuen Studenten", 1918-1929

IV. Soziale Identität in der Krise 189
A. Elite im Umbruch 189
Distinktion im Mangel - Tübingen 191
Konsum und Identität - Cambridge 197
Zwischen Klasse und Volksgemeinschaft: Ideologie und Statusanspruch 201
B. Bildung und Elite 208
"Life in this university is no longer a holiday" - Cambridge 208
"Hebung des geistigen Niveaus" - Tübingen 214
Bildung und Demokratie 218
Erziehungsgemeinschaft versus Individualismus 220

V. Männlichkeiten nach dem Krieg 227
A. Männlichkeiten - Weiblichkeiten 227
Begrenzte Anpassung - Tübingen 228
"Men’s University" oder "mixed university"? - Cambridge 233
B. Individualisierung versus Kollektivierung 243
Männlichkeit und Moderne in Cambridge - Abschied von Tom Brown 243
Unterlegene Männer 251
Gestählte Körper als Dienst am Vaterland 256

VI. "Unserem Vaterland Führer werden" 266
A. Entgrenzung des Militärischen versus Demilitarisierung 266
Gefallenengedenken und Gemeinschaft 266
Sieg und Sinn des Opfertodes in Cambridge 273
"Mit der Waffe in der Hand für ihr geliebtes Vaterland" - Das Tübinger Studentenbataillon 279
Demilitarisierung der studentischen Aufgabe - Cambridge 289
Völkerbund, Internationalismus und Jugendideal 294
Entgrenzung der Gewalt 296
"Somewhat rougher behaviour" - Gewalt im Cambridge der Zwischenkriegszeit 303
B. Grenzen der Nation und Entgrenzung des Nationalen 307
"All unser Sein dem Vaterland!" 307
Führer der Republik? 317
Nationale Identität in Cambridge nach dem Weltkrieg 322
Feindbilder der Sieger 328
Antisemitismus und Rassismus 332
British or Bolshevist? 335
"Wider den schäumenden Übermut der Sieger, unserer Feinde!" - Feindbilder in der Niederlage 338
Antisemitismus und Nationalsozialismus 349

VII. Studenten, Weltkrieg und Wandel: Eine Bilanz 355

Abkürzungen 366
Quellen- und Literaturverzeichnis 368
A. Ungedruckte Quellen 368
B. Zeitungen und Zeitschriften 372
C. Gedruckte Quellen und Literatur 373
Register
Zitation:
Levsen, Sonja: Elite, Männlichkeit und Krieg. Tübinger und Cambridger Studenten 1900-1929. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.
ISBN: 3525351518
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