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KULT_online: Tschopp, Silvia Serena; Weber, Wolfgang E. J. (Hg.): Grundfragen der Kulturgeschichte. Darmstadt: WBG, 2007.

Tschopp, Silvia Serena; Weber, Wolfgang E. J. (Hg.): Grundfragen der Kulturgeschichte. Darmstadt: WBG, 2007.
Eine Rezension von:
René SchlottMail
Ausgabe:
Rubrik:
KULT_wissenschaft
Tschopp, Silvia Serena; Weber, Wolfgang E. J. (Hg.):  	Grundfragen der Kulturgeschichte. Darmstadt: WBG, 2007.
Abstract:
In dem inzwischen zwölften Band der Reihe "Kontroversen um die Geschichte" geben Wolfgang E.J. Weber und Silvia Serena Tschopp, Direktoren des Instituts für Europäische Kulturgeschichte an der Universität Augsburg, einen Überblick zur Streitgeschichte der Kulturhistorie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Neben einer luziden Beschreibung der wichtigsten kulturgeschichtlichen Kontroversen bieten die Autoren auch eine Einführung in die theoretischen und methodischen Grundlagen dieser bis heute vieldiskutierten und umstrittenen Disziplin.
Rezension:

Kulturgeschichte kontrovers

Im ersten Abschnitt seines Klassikers über die italienische Renaissance beschrieb Jacob Burckhardt bereits vor fast 150 Jahren Chancen und Risiken der Kulturgeschichte: "Auf dem weiten Meere, in welches wir uns hinauswagen, sind der möglichen Wege und Richtungen viele, und leicht können dieselben Studien, welche für diese Arbeit gemacht wurden, unter den Händen eines andern nicht nur eine ganz andere Benützung und Behandlung erfahren, sondern auch zu wesentlich verschie-denen Schlüssen Anlass geben." (Jacob Burkhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien [zuerst 1860], Stuttgart 1987, S. 27). Wolfgang E.J. Weber und Silvia Serena Tschopp machen es sich in dem vorliegenden Band zur Aufgabe möglichst viele Facetten dieser kulturgeschichtlichen "Reise" zu beleuchten und so "in eine der diskussions- und kontroversenträchtigsten Formen wissenschaftlicher Befassung mit Geschichte" (S. 4) einzuführen.

Der Band ist in die zwei Großkapitel "Einleitung und allgemeiner Überblick" und "Forschungskontroversen" gegliedert, welche von jeweils einem der Autoren bearbeitet wurden. Wolfgang E. J. Weber spannt in seiner kurzen Einleitung den Bogen von der Vorgeschichte der Kulturhistorie im Barock bis zu ihren Perspektiven in der aktuellen Auseinandersetzung um Willensfreiheit oder neuronale Determiniertheit. Dabei geht er knapp und präzise sowohl auf die wesentlichen Teilgebiete (u.a. Gender-, Körper-, Mentalitätengeschichte), als auch auf einige Themenfelder der Kulturgeschichte (u.a. Identität, Nation, Gedächtnis) ein. Ein eigener Abschnitt ist der "Kontroversität der Kulturgeschichte" gewidmet: Weder über die disziplinäre Verortung der Kulturgeschichte, noch über deren Definition konnte bis heute ein Konsens in der Geschichtswissenschaft erreicht werden.

Im wesentlich umfangreicheren zweiten Teil behandelt Silvia Serena Tschopp die "Forschungskontroversen" der Kulturgeschichte. Besonders in den historischen Ab-rissen zum "Lamprechtstreit" und zur Diskussion um Hayden Whites "Metahistory" gelingt es der Autorin die komplexen Auseinandersetzungen klar und verständlich nachzuzeichnen. Sie widmet sich zunächst ausführlich dem "Kulturbegriff der Kultur-geschichte" (S. 27). Nach der Darstellung der unterschiedlichen Antwortversuche, etwa Herders, Max Webers, Cassirers und anderer Kulturtheoretiker auf diese Frage, skizziert Tschopp überzeugend die "Umrisse eines konsensuellen Kulturbegriffs". Eine stringente Kulturdefinition bleibt jedoch nach ihrer Auffassung ein Desiderat, das sich auch vorteilhaft auf die Debatte auswirkt, weil so "die Prämissen kulturhistorischer Forschungsbemühungen immer neu zu klären" (S. 52) sind. Im letzten Abschnitt zu den "Quellen der Kulturgeschichte" greift Tschopp mit dem "lingustic turn", dem "iconic turn" und dem "performative turn" die drei wichtigsten kulturwissenschaftlichen Trends der letzten Jahre auf, nicht ohne dabei auf ihre jeweiligen Schwierigkeiten einzugehen. Im Fall des "performative turn" etwa zitiert die Autorin aus der aktuellen Diskussion um die nur mittelbare, d. h. meist textuelle Überlieferung performativer Phänomene und die Konsequenzen aus diesem Quellenproblem, das vom Historiker eine hohe Sensibilität im Umgang mit und in der Deutung von verschriftlichten Ritualen erfordert.

Ein Personenregister und eine ausführliche Bibliographie schließen das Buch ab. Die Zuordnung der 621 aufgelisteten Titel zu den einzelnen Buchkapiteln eröffnet dabei eine sinnvolle Nutzungsmöglichkeit der Literaturangaben für eine weitergehende Be-schäftigung mit einzelnen Teilgebieten der Kulturgeschichte.

Weber und Tschopp haben mit den "Grundfragen der Kulturgeschichte" einen inhaltlich exzellenten Band vorgelegt, der für den Studienanfänger als Einführung, für den Fortgeschrittenen als Handbuch geeignet ist. Von den zahlreichen anderen Einführungen unterscheiden sie sich dabei durch ihre konsequente Darstellung der Kulturgeschichte als Debattengeschichte. Das inzwischen bewährte Layout der "Kontroversen um die Geschichte" - Reihe, zweispaltig mit farblich hervorgehobenen Stichwortangaben am Seitenrand, erleichtert den schnellen wissenschaftlichen Zugriff. Die Aufteilung des Bandes auf zwei Autoren und in zwei Großkapitel, die auch in sprachlicher und stilistischer Hinsicht auffällt, führt jedoch an einigen Stellen zu Wiederholungen und Redundanzen, die vielleicht durch eine Alleinautorenschaft hätten vermieden werden können. In dem von Burckhardt mitentdeckten "Meer" der Kulturgeschichte kann das Studienbuch dem Leser dennoch als ein zuverlässiger Kompass empfohlen werden.


Silvia Serena Tschopp, Wolfgang E. J. Weber (Hg.): Grundfragen der Kulturgeschichte. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007. 152 S., kart., 16,90 Euro. ISBN: 978-3-534-17429-4


Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Reihenherausgeber VII

Wolfgang E. J. Weber, I. Einleitung und allgemeiner Überblick 1
1. Zur Aktualität und Kontroversität der Kulturgeschichte 1
2. Zur Entstehung und Entwicklung der Kulturhistorie im historischen Kontext 4
3. Teilgebiete der kulturhistorischen Forschung 9
4. Themenfelder der Kulturgeschichte 15
5. Die (Wieder-)Entdeckung des ‘homo culturalis’ als Errungenschaft der Kulturgeschichte 21

Silvia Serena Tschopp, II. Forschungskontroversen 24
1. Überblick 24
2. Der Kulturbegriff der Kulturgeschichte 27
a) Historische Semantik des Begriffs ‘Kultur’ 28
b) Dimensionen des Begriffs ‘Kultur’ 32
c) Kulturtheorien 36
d) Umrisse eines konsensuellen Kulturbegriffs 49
3. Der Gegenstand und die Methode der Kulturgeschichte 53
a) Anfänge der Kulturgeschichte 54
b) Kontroversen um die Kulturgeschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert 57
c) Die Historiographische Wende um 1960: ‘Sozialgeschichte’ als neues Paradigma 68
d) Entstehung der Neuen Kulturgeschichte 72
4. Die Quellen der Kulturgeschichte 82
a) Text als Quelle: Der ‘linguistic turn’ 84
b) Bild als Quelle: Der ‘iconic turn’ 99
c) Symbolische Handlungen als ‘Quelle’: Der ‘performative turn’ 111

Bibliographie 123
Personenregister 151
Zitation:
Tschopp, Silvia Serena; Weber, Wolfgang E. J. (Hg.): Grundfragen der Kulturgeschichte. Darmstadt: WBG, 2007.
ISBN: 9783534174294
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