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KULT_online: Kompetenzzentrum Informelle Bildung (Hg.): Grenzenlose Cyberwelt? Zum Verhältnis digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften (VS), 2007.

Kompetenzzentrum Informelle Bildung (Hg.): Grenzenlose Cyberwelt? Zum Verhältnis digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften (VS), 2007.
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KULT_wissenschaft
Kompetenzzentrum Informelle Bildung (Hg.): Grenzenlose Cyberwelt? Zum Verhältnis digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften (VS), 2007.
Abstract:
Mit dem vorliegenden Sammelband, der auf eine gleichnamige, international besetzte Fachtagung vom Februar 2006 zurückgeht, werden Teilhabechancen und ‚Bildungspotenziale‘ des Kulturraums Internet für Jugendliche diskutiert. Die jeweils sechs deutsch- und englischsprachigen Beiträge beleuchten aus unterschiedlichen Blickwinkeln Phänomene digitaler Ungleichheit. Sie präsentieren theoretische Überlegungen ebenso wie empirische Befunde. Zugleich legen sie damit eine Übersicht vor, welche die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die bildungsbezogenen Herausforderungen des Internets mit Fragen nach neuen Dimensionen der Bildungsbenachteiligung in Verbindung bringt.
Rezension:

»Kulturraum Internet« - Im Spannungsfeld von Möglichkeiten informeller Bildungsprozesse und neuen Dimensionen der Bildungsbenachteiligung

Gängige Redeweisen alltagssprachlicher wie auch kulturtheoretischer Diskussionen über das Internet betonen in aller Regel dessen positiven Seiten: Die neuen Möglichkeiten und Potenziale einer umfassenden Veränderung. Auch in pädagogischen Bereichen erfreut sich das Internet großer Beliebtheit, kann es doch als neue Dimension schulischen und außerschulischen Lernens herangezogen werden, um der comenianischen Maxime, allen alles allumfassend (omnes omnia omnino) zu lehren, neuen Geist einzuhauchen. Dass allerdings das Internet nicht bloß einseitig als ein Medium verstanden werden kann, durch das sich neue Chancen auftun, sondern dass es zugleich auch Wege verschließt, thematisiert der Band Grenzenlose Cyberwelt?. Verdeutlicht durch das Fragezeichen im Titel geht es dem Herausgeber, dem in Bielefeld angesiedelten Kompetenzzentrum Informelle Bildung (KIB), darum, den gängigen und zumeist positiv konnotierten Befund zum World Wide Web hinsichtlich möglicher Verkürzungen in Frage zu stellen und einer kritischen Betrachtung zuzuführen.

In insgesamt zwölf Beiträgen werden dazu Aspekte beleuchtet, die das Internet als einen kulturellen Raum deuten, in dem - miteinander verwoben - sowohl Bildungszugänge eröffnet werden, als auch soziale Ungleichheit zur Reproduktion kommt. Mit dieser Perspektive versteht sich der Band als "ein erster umfassender Überblick über die Analyse des Umgangs von Jugendlichen mit den Möglichkeiten und den Selbstbegrenzungen der ‚Cyberworld‘" (S. 10).

Im Vorwort der Herausgeber wird die thematische Rahmung des Bands entfaltet und ein erster knapper Überblick über die inhaltlichen Orientierungen der Beiträge gegeben. Der eigentliche Einstieg erfolgt durch die Aufsätze von Lawrence Angus und Neil Selwyn. Sie besprechen verschiedene sozial- und bildungspolitische Aspekte des behandelten Leitthemas. Dieses baut - das wird in beiden Aufsätzen herausgearbeitet - auf der weithin anerkannten These auf, dass den unterschiedlichen Ausstattungen und Nutzungsweisen des Internets eine gesellschaftliche Spaltung folge, wenn nicht allen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werde, den sachgerechten Umgang mit Informationen und Wissen zu erlernen. Angus zeigt mit dieser Argumentationsbasis, wie bildungsferne Familien, die in einem australischen Projekt mit Computern und Internetzugängen ausgestattet und daraufhin befragt wurden, das Internet nutzen und welche Bedeutung sie den Informations- und Kommunikationstechnologien beimessen. Im maximalen Kontrast zu Familien, die ein höheres Bildungsniveau aufweisen, kann die Studie familial inkorporierte bzw. habitualisierte Strukturen herausarbeiten und so zeigen, dass die technische Ausstattung und die Schaffung eines Internetzugangs nicht allein schon dafür sorgt, dass demokratische Teilhabechancen bildungsferner Milieus wesentlich verbessert werden: "It seems that old inequalities have not disappeared in the increasingly networked society, but neither are they the same nor have they been simply added to." (S. 28) Neil Selwyn teilt diesen Befund und befragt die sozial- und bildungspolitischen Konzeptionen auf wiederkehrende Muster und jene zentralen Prämissen, die zuvörderst die Partizipations- und Bildungsmöglichkeiten des Internets herausstellen. Über den Nachweis, dass diese zumeist auf idealistischen, an einer Mittelschichtsnorm ausgerichteten und einem konservativen Begriff von Empowerment huldigenden Gehalten aufbauen, entwirft er Überlegungen, die diese Kritik aufgreifen und weiterdenken. So gelangt er zu einem Entwurf von digitaler Inklusion, bei der gesellschaftliche Teilhabe über Informations- und Kommunikationstechnologien als eine von den Jugendlichen selbst initiierte Aktivität verstanden wird. Diese lässt sich nicht oder nur eingeschränkt über politische Maßnahmen steuern, weshalb auch ihre unsicheren, tentativen und nicht vorhersagbaren Momente anzuerkennen sind.

Die nächsten vier Beiträge stehen unter dem Titel "Bildung und Teilhabe im virtuellen Raum und ihre Grenzen" (S. 45). Sie thematisieren verschiedene Facetten von Inklusions- und Exklusionsphänomenen des Internets. Caroline Haythornthwaite blickt in ihrem Beitrag auf das Panorama von Forschungsergebnissen zur ‚digital inequality‘, um sie zu bündeln und wiederkehrende Befunde herauszuarbeiten. Stefan Iske, Alex Klein, Nadia Kutscher und Hans-Uwe Otto binden diese Befunde in einen konkreten Forschungskontext ein und verleihen ihnen dadurch Plastizität. In ihrem Projekt verknüpfen sie eine im Wesentlichen auf den Terminologien von Pierre Bourdieu aufbauende Untersuchung von sozialen und kulturellen Ressourcen mit einer lebensweltorientierten Analyse zum medialen Nutzungsverhalten. Ein wesentliches Resultat der Studie liegt somit darin, dass erst aus differenzierten Analysen tragfähige, zielgruppenspezifische und kompetenzerweiternde Ansätze generiert werden können. Angesichts einer im Titel des Aufsatzes angekündigten Thematisierung des Internets als Möglichkeitsraum für Bildungsprozesse bleibt dieses Resultat jedoch hinter den Erwartungen zurück, was nicht zuletzt auch darin liegen dürfte, dass ein sachlich überzeugender Begriffsgebrauch von Bildung - trotz zahlreicher ‚Operationalisierungen‘, die im Laufe des Beitrags vorgenommen werden - nicht zustande kommt.
In dieser Hinsicht überzeugt der Beitrag von Winfried Marotzki deutlich mehr. Marotzki zeichnet unter einer biographie- und bildungstheoretisch orientierten Perspektive Formen der Erinnerungskultur nach. An Praktiken des Totengedenkens im Internet - also an so genannten ‚virtuellen Friedhöfen‘ -illustriert und plausibilisiert er mittels verschiedener Theoreme der Narratologie Paul Ricœurs, wie das Internet weithin etablierte kulturelle Formationen neu schreibt und Selbst- und Weltsichten von Menschen eine neue Kontextur verleiht. Insofern Bildung ein spezifisches Subjekt-Welt-Verhältnis bezeichnet, lassen sich diese Veränderungen als Bildungsprozesse verstehen.
Gustavo Mesch beleuchtet in seinem Beitrag soziale Netzwerke, die sich aus dem Internet - etwa aus Foren oder virtuellen Communities - entwickeln können. Seine zentrale These bezieht sich darauf, dass der rege Gebrauch des Internets von Jugendlichen für Kommunikationszwecke zu einem Wechsel in der Struktur sozialer Netzwerke führen kann. Damit wird eine Diversifizierung persönlicher Beziehungsgefüge möglich, welche die Begrenzungen von Milieu, Ethnizität und Nationalität überschreitet. Dies verdeutlicht Mesch anhand einer israelischen Studie, bei der jüdische und arabische Jugendliche nach ihren Freundschaftsbeziehungen befragt wurden. Er hält fest, dass online-Freundschaften entgegen Schul- und Nachbarschaftsfreundschaften nicht herkunftsgebunden sind. In Anbetracht dieses Befunds zeigt sich, welches Potenzial zur Akkumulation sozialen Kapitals auch in den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien liegt.

Die nächsten drei Aufsätze kreisen um "Nutzungsdifferenzen und Soziale Ungleichheit im Internet" (S. 120). Eszter Hargittai entwirft in ihrem Beitrag dazu ein Rahmenwerk, das die differenzierte Analyse von jugendlichen Nutzungsweisen digitaler Medien gestattet. In durchaus normativer Manier formuliert sie elf "dimensions of skill" (S. 133), die Anforderungen zur Partizipation an virtuelle Arrangements beinhalten. Heinz Bonfadelli und Priska Bucher untersuchen mittels einer quantitativen Studie den Stellenwert alter und neuer Medien im Leben von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Besonderes Augenmerk widmen sie der Frage, welche Bedeutung der Migrationshintergrund beim Mediennutzungsverhalten im Vergleich zur sozialen Herkunft, zum schulischen Bildungsniveau und zum Geschlecht hat. Im Sinne einer Phänomenbeschreibung - allerdings ohne tiefer gehende pädagogische Analysen - zeichnen Bonfadelli und Bucher damit ein Bild, das deutlicht macht, inwiefern sich die Mediennutzung unterscheidet: "Jugendliche mit Migrationshintergrund hören deutlich seltener und weniger lang Radio, verbringen mehr Zeit vor dem Fernseher und weisen bezüglich Internetnutzung eine größere Kluft zwischen Nicht-Usern und Vielnutzern auf" (S. 150). Horst Niesyto beleuchtet einige Problembereiche medienpädagogischer Konzeptionen, die soziale Benachteiligungen fördern und auf Dauer stellen. Es ist vor allem die Kritik an Konzeptionen, die den jugendlichen Rezipienten als autonomes und distanzierungsfähiges Subjekt auffassen, aus der Niesyto Überlegungen für die weitere medienpädagogische Forschung und Praxis entwickelt. Statt einer Orientierung an reflexiv-kognitive Fähigkeiten in medienpädagogischen Angeboten plädiert er für eine Öffnung in Richtung sozial-kommunikativer und sozial-ästhetischer Bereiche, weil damit der sozialen Benachteiligung differenziert begegnet und der Blick auf "die Vorstellungen, die Lebensgefühle, das Welterleben von Kindern und Jugendlichen" (S. 169) ermöglicht werde.

Inhaltlich schlägt dieser Beitrag eine Brücke zu den letzten beiden Aufsätzen, die sich neuen Perspektiven der Medienbildung widmen und damit fortführen, was Niesyto in seinem Beitrag angestoßen hat. Kaum nachvollziehbar ist deshalb auch, warum sie nicht zu einem Trio unter einer gemeinsamen Überschrift gestellt wurden. David Buckingham verfolgt in seinem Aufsatz die Frage, welche Rolle Schulen im Prozess der Digitalisierung spielen. Entgegen der zuweilen geäußerten These, Schulen seien zukünftig nicht mehr nötig, da mit den Informations- und Kommunikationstechnologien anderweitige und bessere Lernformen zu Verfügung stünden, hält Buckingham weitestgehend an ihrer traditionellen Erscheinungsform fest. Gerade weil die neuen Technologien - wie in den verschiedenen Beiträgen aufgezeigt - nicht per se zu einer erweiterten Bildungsteilhabe führen, werden Schulen auch in Zukunft bestehen und eine wichtige Funktion wahrnehmen: Sie können Distanz herstellen und sich dadurch als eine kritisch-subversive Instanz gegenüber der ‚Profankultur‘ des Internets erweisen. Im letzten Beitrag setzt sich Franz Josef Röll mit ästhetischen Wahrnehmungsdispositionen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen auseinander. Dabei geht er von einer Ästhetisierung des Alltäglichen aus, wie sie von mehreren Theoretikern im Rahmen der nachmodernen Signatur von Individualisierung und Pluralisierung diskutiert wird. Auch Zeitschriften und Internetseiten - so die im Beitrag verfolgte Stoßrichtung - hätten sich den verschiedenen ästhetischen Präferenzen anzupassen, um Aufmerksamkeit für die dargestellten Angebote zu erhalten. Je divergenter die angesprochenen Nutzergruppen sind, desto schwieriger sei es aber, eine Gestaltung zu entwickeln, die den unterschiedlichen Ansprüchen an Aufbau und Layout gerecht werde. Dieser Befund wird anhand eines studentischen Projektes verdeutlicht und in
einen argumentativen Zusammenhang gebracht. Jedoch ist dieses Projekt, in dem sich der medialen Aufbereitung von Studieninformationen gewidmet wird, insofern ungeeignet, die vorangestellte These überzeugend zu belegen, als gerade von einer relativ homogenen Struktur des beteiligten Personenkreises, die sich ausschließlich aus Pädagogik-Studierenden zusammensetzt, auszugehen ist.

Insgesamt bieten der Band einen erhellenden Blick auf das Panorama des World Wide Web als Ort digitaler Ungleichheit einerseits und Ausgangspunkt für Bildungsprozesse andererseits. Die beteiligten Autorinnen und Autoren nehmen aus unterschiedlichen Blickrichtungen Fokussierungen vor, die auf informative und anschauliche Weise die behandelte Thematik präsentieren, wobei es insbesondere der Bereich der sozialen Benachteiligung ist, der überzeugend herausgearbeitet wird. Dazwischen klaffen allerdings auch Lücken oder nur unscharf konturierte Themenbereiche, sodass durchaus ein Potpourri-Charakter entsteht. Zu allgemein ist vor allen Dingen die Antwort auf die Frage, inwiefern das Internet und digitale Medien zu Bildungsprozessen führen können. In mehreren Aufsätzen wird diese Frage zwar behandelt, die unstetige - teilweise willkürliche - Verwendung der Bildungssemantik erlaubt es allerdings zuweilen, alles und nichts als Bildungsprozess zu präsentieren. Ein gemeinsamer ‚bildungstheoretischer Faden‘ hätte hier Unstimmigkeiten vermeiden und die Qualität der Antworten womöglich verbessern können. Trotz dieser zentralen Kritik gelingt es den Herausgebern mit dem Band dennoch, einen guten thematischen Überblick zur Verfügung zu stellen, der auch zur weiteren Auseinandersetzung mit Aspekten der digitalen Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche einlädt.



Kompetenzzentrum Informelle Bildung (Hg.): Grenzenlose Cyberwelt? Zum Verhältnis digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007. 223 S., broschiert, 32,90 Euro. ISBN: 978-3-531-15319-3


Inhaltsverzeichnis

1 Stefan Iske / Alex Klein / Nadia Kutscher / Hans-Uwe Otto: Vorwort 7


Dimensions of Educational Policy / Gesellschaftliche Herausforderungen für Bildungspolitik im Kontext des Internet

2 Lawrence Angus: Implications for Social inequality in internet use for educational policies and programs 15

3 Neil Selwyn: New technologies, young people and social inclusion 31


Education an Participation in the Virtual Space and its Limitations / Bildung und Teilhabe im virtuellen Raum und ihre Grenzen

4 Caroline Haythornthwaite: Social Facilitators and Inhibitors to Internet Acess and Use 47

5 Stefan Iske / Alex Klein / Nadia Kutscher / Hans-Uwe Otto: Virtuelle Ungleichheit und informelle Bildung. Eine empirische Analyse der Internetnutzung Jugendlicher und ihre Bedeutung für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe 65

6 Winfried Marotzki: Erinnerungskulturen im Internet 93

7 Gustavo Mesch: Social Diversification: A Perspektive for the Study of Social Networks of Adolescents Offline and Online 105


Use Differences and Social Inequality in the Internet / Nutzungsdifferenzen und Soziale Ungleichheit im Internet

8 Eszter Hargittai: A framework for studying differences in people’s digital media uses 121

9 Heinz Bonfadelli / Priska Bucher: Alte und neue Medien im Leben von Jugendlichen mit Migrationshintergrund 137

10 Horst Niesyto: Medienpädagogik, Mediensozialisation und soziale Benachteiligung 153


New Perspectives for Media Education / Neue Perspektiven für Medienbildung

11 David Buckingham: Digital Culture, Media Education and the Place of Schooling 177

12 Franz Josef Röll: Ästhetik in der zielgruppenorientierten Medienbildung 199


Autorinnen und Autoren 221
Zitation:
Kompetenzzentrum Informelle Bildung (Hg.): Grenzenlose Cyberwelt? Zum Verhältnis digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften (VS), 2007.
ISBN: 9783531153193
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