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KULT_online: Ebel, Kerstin: 'something that people can't do without'. The concepts of memory and the past in the work of P. Lively and others. Heidelberg: Winter, 2004.

Ebel, Kerstin: 'something that people can't do without'. The concepts of memory and the past in the work of P. Lively and others. Heidelberg: Winter, 2004.
Eine Rezension von:
Dorothee BirkeMail
Ausgabe:
Rubrik:
KULT_wissenschaft
Ebel, Kerstin: ´something that people can´t do without´. The concepts of memory and the past in the work of P. Lively and others. Heidelberg: Winter, 2004.
Abstract:
Die Monographie von Kerstin Ebel untersucht die Darstellung von Erinnerung und Vergangenheit im zeitgenössischen britischen Roman, unter besonderer Berücksichtigung der Werke Penelope Livelys. Die Verfasserin verfolgt dabei einen interdisziplinären Ansatz: Konzepte und Ansätze aus Psychologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft werden hinzugezogen, um die Romane zu interpretieren. Dabei versucht sie auch zu zeigen, wie Konzepte wie das einer "endgültigen Wahrheit" in der Geschichtsschreibung oder einer "objektiven, authentischen Erinnerung", ob auf individueller oder kollektiver Ebene, sowohl in zeitgenössischen Theorien als auch in den Romanen selbst in Frage gestellt werden.

Rezension:

Erinnerung und Vergangenheit im Werk Penelope Livelys


Alles fängt so schön an. Der Titel von Kerstin Ebels Dissertation (ein wunderschöner Hardcoverband im ansprechenden Winter-Design) verheißt eine nähere Beschäftigung mit einer komplexen und gegenwärtig viel beachteten Thematik: Erinnerung und Vergangenheit. Wie diese Konzepte im zeitgenössischen britischen Roman dargestellt und verarbeitet werden, verspricht die Studie (mit besonderem Fokus auf den Werken Penelope Livelys) auf einer breiten Basis von psychologischen und historischen Theorieansätzen zu untersuchen; der Klappentext verlockt mit der Aussicht auf "further levels of meaning in postmodern, metahistorical fiction", die mittels der interdisziplinären Ansätze erschlossen werden sollen. Auf den zweiten Blick muss man jedoch feststellen, dass die Studie die geweckten Erwartungen nicht einzulösen vermag.

Die Arbeit gliedert sich neben Einleitung und Schlußteil in fünf Kapitel, die sich je einem thematischen Schwerpunkt widmen: "Memory and the past in Penelope Lively's novels", "Personal memory", "Collective memory", "History" und "Characteristics of (personal) history". Schon diese Aufzählung lässt die beiden Hauptprobleme der Studie erkennen: Undurchsichtigkeit, was die Argumentationslinie und die Definition der Hauptkonzepte betrifft, sowie den Hang zu Redundanzen. So ist die erste Kapitelüberschrift wenig aussagekräftig, weil sie sich auch auf die gesamte Arbeit beziehen ließe (Beispiele aus den Romanen werden in jedem Kapitel extensiv hinzugezogen); welche Unterscheidung zwischen der vierten und der fünften Überschrift intendiert ist, bleibt ebenso unklar.

Die versprochene Interdisziplinarität wird durchaus eingelöst: Kerstin Ebel hat sich eingehend gerade mit kognitionspsychologischen Erinnerungstheorien beschäftigt, und auch wichtige soziologische und kulturtheoretische Ansätze wie die von Maurice Halbwachs, Jan Assmann oder Hayden White werden in der Studie besprochen. Es gelingt ihr eindrücklich zu zeigen, dass die Romane an vielen Stellen Parallelen zu natur- und kulturwissenschaftlichen Überlegungen aufweisen. Erkenntnisse wie die, dass das individuelle Erinnern kein unproblematisches Abrufen von Gespeichertem, sondern ein von verschiedensten ebenso mit der Gegenwart wie mit der Vergangenheit verbundenen Faktoren geleiteter Prozess ist, und dass Ähnliches auf kollektiver Ebene auch für die Geschichtsschreibung gilt, scheinen SchriftstellerInnen heute ebenso geläufig zu sein wie KognitionswissenschaftlerInnen. Allerdings neigt die Verfasserin dazu, kontroverse Positionen anderer WissenschaftlerInnen zwar zusammenzustellen, selbst aber keine klare Stellung zu ihnen zu beziehen. Besonders deutlich zeigt sich dies zum Beispiel an dem Versuch, "collective memory" und "history" zu unterscheiden; hier wird weder in den theoretischen Ausführungen noch in der Besprechung der Beispiele eine eigene Linie deutlich. Die Vernachlässigung eines eigenen argumentativen Aufbaus zugunsten einer oft geradezu enzyklopädisch anmutenden Anhäufung von Details und Belegen lässt sich schon am Schriftbild der Arbeit erahnen: Auf vielen Seiten ist ein längeres Zitat an das nächste gereiht.

Noch schwerer als die Defizite im theoretischen Fundament der Arbeit wiegt allerdings, dass es zu keinen befriedigenden Einzelanalysen der Romane kommt. Das liegt zum einen daran, dass in den thematischen Kapiteln zwar viele Schlüsselpassagen besprochen werden, diese jedoch aus dem Kontext genommen eher assoziativ aneinandergereiht werden. Längere Passagen zu einzelnen Romanen finden sich erst im vorletzten Kapitel der Arbeit; selbst diese erschöpfen sich leider zum Großteil in Nacherzählungen der Handlung. Das ist vor allem auch deshalb schade, weil es immer wieder interessante Beobachtungen zu Darstellungsformen in den Romanen gibt, die allerdings nicht an Einzelpassagen weiter untersucht, sondern auf einer eher allgemeinen Ebene abgehandelt werden. Die Verfasserin beschäftigt sich weder mit dem Verhältnis zwischen Literatur und den aus anderen Disziplinen entliehenen Ideen noch mit der Frage nach einem spezifischen Funktionspotential von literarischen Texten näher. Vielmehr scheint es ihr vor allem darum zu gehen, Stellen in den Romanen zu identifizieren, in denen die psychologischen oder historischen Konzepte entweder explizit angesprochen werden oder in denen sie als psychologischer oder soziologischer Erklärungshintergrund für bestimmte Verhaltensweisen der Figuren hinzugezogen werden können. Möglicherweise wäre es doch ganz gut gewesen, sich noch etwas expliziter mit dem in der Einleitung leider ausgeklammerten Verhältnis von Erinnerung und Identität zu beschäftigen. Dann wäre es u.U. leichter gefallen, die Relevanz der Erinnerungsphänomene, die dargestellt werden, für eine Gesamtinterpretation der Romane zu bestimmen.

Dass die im Titel versprochene Erweiterung der Fragestellung auf die Werke anderer zeitgenössischer britischer SchriftstellerInnen eher kursorisch bleibt und sich darauf beschränkt, punktuell einzelne Romane zum Vergleich heranzuziehen, ist eigentlich nicht weiter überraschend - schließlich ist das zu bearbeitende Feld mit der Vielzahl der sehr unterschiedlichen Theoriekonzepte und der detaillierten Beschäftigung mit Livelys großem Oeuvre ohnehin schon ziemlich weit. Entwicklungslinien im zeitgenössischen britischen Roman werden hier nicht aufgezeigt, aber es wird durchaus deutlich, dass einige Tendenzen, die bei Lively sehr ausgeprägt sind - so etwa der Hang zu metahistoriographischen Passagen und die Problematisierung der Vorstellung von einem objektiven oder direkten Zugang zur Vergangenheit - auch bei anderen britischen Gegenwartsautoren eine prominente Rolle spielen. Leider erscheinen diese Ergebnisse aber zum Teil etwas banal; es gibt einfach zu viele Sätze vom Kaliber des folgenden (der im übrigen der letzte Satz des gesamten Kapitel 5 ist): "Whether we use the past to order our memories or to put our lives in perspective, to gain from it financially or to use it as a source of more or less pleasant entertainment, our world would be different without it." (S. 262) Schade, dass die viele Arbeit, die ganz offensichtlich in diese Studie geflossen ist, nicht zu subtileren Erkenntnissen geführt hat. Fazit: 58 Euro lassen sich anderswo besser anlegen.


Kerstin Ebel: "...something that people can't do without". The Concepts of Memory and the Past in the Work of Penelope Lively and Other Contemporary British Authors. Heidelberg: Winter, 2004. 407 S., geb., 58 €, ISBN 9783825315795

Inhaltsverzeichnis


1. Introduction: "Geschichten und Geschichte"

2. Memory and the past in Penelope Lively's novels
2.1. Personal memory
2.1.1. The stage model of memory
2.1.2. "[...] why, remembering, were the children never demanding or recalcitrant?" - Why do we forget?
2.1.3. "It can give you such a lift [...]"- Functions
2.2. Collective memory
2.2.1 "The collective past [...] is public property, but it is also deeply private" - What is collective memory?
2.2.2. "He made Frances think of the fifties [...]" - Working of collective memory
2.3. History and historiography
2.3.1. "Now I must sit down and write history" - Development and methods
2.3.2. "If there were such a thing as absolute truth" - Characteristics of history

3. Personal memory
3.1. How do we remember?
3.1.1. "Not even, yet, sustained by memory - they haven't that crutch, so far" - Introduction
3.1.2. The stage model of memory: long-term memory
3.1.3. The stage model of memory: sensory register and short-term memory
3.1.4. "[...] his memory had furnished him with an immediate transcript, sketchy, it is true [...]" - Levels of processing model
3.1.5. "[...] with these visits the memory of Gilberte was intimately blended" - Neural networks
3.2. "This moment melted into all the other times she's exploded like this" - Why do we forget?
3.2.1. "Now, he couldn't remember what she looked like" - Decay
3.2.2. "Distant, hazy, dear Daddy. Long since drowned by other voices [...]" - Interference
3.2.3. "It was a heightened time. Details tend to stick in the mind" - Emotional factors
3.2.4. "I am like someone with amnesia, untethered both from past and future" - Amnesia
3.3. "Memory's truth, because memory has its own special kind" An integrated approach?
3.4 Conclusion: "She tried not to remember. [...] And failed, dismally" - Criticism and functions

4. Collective memory
4.1. "You are public property - the received past" - What is collective memory?
4.2. Working of collective memory
4.2.1. "She was pre-eminently a child of her time [...]" - Generational as opposed to life-cycle theory
4.2.2. Agents of collective memory
4.2.3. "Profit from the Past?" - Reconstruction, change, and forgetting
4.3. Conclusion: "She [...] stared into the darkness of the room, beginning the slow re-adjustment of the past [...]" - Functions of collective memory

5. History
5.1. Introduction: the idea of collective memory as opposed to the concept of history
5.2. Between memory and history
5.2.1. Oral history
5.2.2. "In Edinburgh, there were art galleries and museums, concerts and plays" - Nora's lieux de mémoire
5.3. History and historiography
5.3.1. "The role of women is not much addressed in the Oxford history syllabus of the fifties [...]" - Definition and development
5.3.2. "Once it is all written down we know what really happened" - Methods
5.3.3. "Perhaps novelists are the only people who do tell the truth" - The "truth" about history
5.4. Conclusion: "We mustn't underrate history" - Functions

6. Characteristics of (personal) history
6.1. The personal past influencing the present
6.1.1. The Road to Lichfield (1977)
6.1.2. Perfect Happiness (1983)
6.1.3. Passing On (1989)
6.1.4. Graham Swift. Last Orders (1996)
6.2. Personal linked to public history and their influences on the present
6.2.1. Treasures of Time (1979)
6.2.2. According to Mark (1984)
6.2.3. Continuity and change: City of the Mind (1991)
6.2.4. Susanna Kearsley. Mariana (1994)
6.3. "The core": History is subjective - Moon Tiger (1987)
6.4. Repetition of (personal) history
6.4.1. Heat Wave (1996)
6.4.2. Pat Barker. Another World (1998)
6.5. History as destiny?
6.5.1. Judgement Day (1980)
6.5.2. Cleopatra's Sister (1993)
6.6. Nothing is ever what is seems
6.6.1. Next to Nature, Art (1982)
6.6.2. Spiderweb (1998)

7. "The story is told" - Conclusion and outlook

8. Selective bibliography
8.1. Primary sources
8.1.1. Penelope Lively
8.1.2. Other writers
8.2. Secondary sources
Zitation:
Ebel, Kerstin: 'something that people can't do without'. The concepts of memory and the past in the work of P. Lively and others. Heidelberg: Winter, 2004.
ISBN: 9783825315795
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