Eine Apologie des Historismus
Der Leistungsfähigkeit des menschlichen Gedächtnisses ist immer und generell zu misstrauen. Mithin also allen mündlichen und schriftlichen Zeugnissen, die auf dem Gedächtnis beruhen. Dies ist die erste Hauptthese des neuen Werks von Fried, die er mit Hilfe der Ergebnisse moderner Gehirnforschung untermauern möchte. Die Unzuverlässigkeit menschlichen Erinnerns begründet ein Dilemma für Historiker. Sie sind bei ihrer Arbeit auf Quellen angewiesen, die letztendlich immer auf Gedächtnisleistungen beruhen; dabei sollen sie aber mittels der Quellenarbeit möglichst gesicherte Erkenntnisse erlangen. Deshalb schließt Fried an diese erste These eine zweite an, die gleichzeitig aus dem Dilemma des Historikers herausführen soll: Hat der Historiker mit der Hilfe der neuronalen Wissenschaften die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns durchschaut, kann er die bewussten und unbewussten Verzerrungen und Verformungen lokalisieren und korrigieren, so dass das tatsächlich Geschehene sichtbar wird.
An vier Fällen der neueren Geschichte wird zunächst das Phänomen des unsicheren Gedächtnisses expliziert. Fried unterzieht scheinbar gesicherte Fakten einer akribischen Quellenkritik, um am Ende eines jeden Fallbeispiels festzustellen, dass die beteiligten Personen sich in zentralen Punkten falsch erinnert hatten. Dem Autor kommt es dabei im Wesentlichen auf die Erhebung korrekter Daten an, er möchte wissen, wie es wirklich gewesen ist. So nimmt es nicht wunder, dass das erste Kapitel sich mehr wie ein Bericht der Staatsanwaltschaft als eine historische Abhandlung liest und sich Fried zur Stützung seiner Aussagen auf Kriminalisten beruft.
Konsequenterweise thematisiert Fried im nächsten Kapitel die Entwicklung der Geschichtswissenschaft im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Konsequent ist dies deshalb, weil die Erkenntnisziele des historischen Positivismus, der zu der erwähnten Zeit die Geschichtswissenschaft beherrschte, vollkommen mit dem übereinstimmen, was der Autor den Geschichtswissenschaften als Aufgabe zuweist: dem Erkennen und Benennen der harten Fakten. Des Autors Klage darüber, dass man zu Zeiten Rankes und Droysens voreilig die Psychologie aus den Hilfs- und Elementarwissenschaften verbannt hat, führt zum eigentlichen Anliegen des Buchs: Fried möchte den historischen Positivismus wieder beleben, und zwar dieses Mal verstärkt durch das Instrumentarium der modernen Neurowissenschaften. Insofern ist das Werk als eine Apologie des Historismus und dessen konzeptionelle Erweiterung zu lesen. Der Autor nimmt damit eine Position ein, die den Ansätzen einer zeitgenössischer Geschichtswissenschaft vollkommen entgegen steht, soweit diese sich als Kulturwissenschaft versteht. Die Einbeziehung der Neurowissenschaften ist dabei nur auf den ersten Blick eine kulturwissenschaftliche Orientierung seines Werks. Denn bei ihm steht nicht - wie man bei der Rezeption der Neurowissenschaften glauben könnte - der Mensch im Mittelpunkt des Interesses. Eine kulturwissenschaftliche Position könnte die Neurologie etwa dafür verwenden, Fragen nach dem Zusammenhang von Körper und Gehirn bei performativen Handlungen wie etwa einem Ritual zu stellen. Aber es ist keine anthropologische Historiographie, die Fried vorschwebt, sondern eine exakte Geschichtswissenschaft, die gleich den Naturwissenschaften Datenmengen sammelt und auswertet, um vergangene Wirklichkeiten so genau wie möglich zu rekonstruieren. Überdeutlich wird diese Haltung, wenn Fried vorschlägt, dass Historiker mit Mathematikern zusammen arbeiten sollten, damit von diesen errechnete Algorithmen der Gehirntätigkeit durch Historiker ausgewertet werden könnten (S. 145-146). Auch dieses Bestreben übernimmt er aus der Tradition des historischen Positivismus, der sich an der (vermeintlich) exakten Naturwissenschaft als Leitwissenschaft orientierte.
Nach einer Einführung in die "Neurokulturellen Grundlagen der Geschichtswissenschaft" im dritten Kapitel reiht Fried Beispiel an Beispiel für verformte, verdrehte und verfälschte Erinnerung. Im vierten Kapitel, vielleicht dem stärksten des gesamten Buchs, hält der Autor ein Plädoyer für die stärkere Einbeziehung der Ethnologie in die geschichtswissenschaftliche Arbeit. Allerdings dient ihm - analog zur Einbeziehung der Neurowissenschaften - auch der Rückgriff auf Methoden und Ergebnisse der Ethnologie ausschließlich der Datensammlung zur bloßen Rekonstruktion von Wirklichkeit und nicht zur Entdeckung anthropologischer Konstanten und deren interkulturellem und diachronem Vergleich.
In den letzten Kapiteln werden diverse Stabilisierungsfaktoren der Erinnerung wie "elaborierte Mündlichkeit" (S. 296) und zunehmende Verschriftlichung behandelt. Mit Hinweis auf die "filid", eine Gruppe professioneller irischer Erzähler, deren Repertoire eine bestimmte Menge an Erzählungen aufweisen musste, die sich diese durch allerhand mnemotechnische Kniffe merkten, weist Fried auf die Begrenzung dieser elaborierten Mündlichkeit hin, da sich mit der Christianisierung Über- und Verformungen der alten Inhalte feststellen ließen. Er bedauert, dass die mündliche Tradition nur "Mythen, Kultgesänge, Märchen und Genealogien" (ebd.) behandle, nicht aber die "gegenwärtige Welt, das aktuelle Leben, die Fülle der Vorkommnisse zu Lebzeiten des Sängers, die Mission, die Gründung der Kirchen, den Handel, die Politik" (S. 298). Fried übersieht dabei allerdings, dass sehr wertvolle Informationen über eine Gesellschaft in genau diesen Textsorten, die er sich zu untersuchen weigert, enthalten sind. In mittelalterlichen Preisliedern etwa finden sich viele Hinweise auf die Vorstellungswelt und die Mentalität einer sozialen Gruppe. Die Verfahren der Textualisierung einer solchen in der ersten Überlieferungsstufe mündlich formulierten Ruhmrede lassen auf Kategorien der Wahrnehmung und der Ästhetik einer Epoche schließen.
Fried kann schließlich das, was er sich zur Aufgabe gemacht hat, mit dem vorliegenden Werk nicht einlösen. Am Ende bietet er dem Leser keine Memorik, keine Methodologie der Gedächtniskritik, sondern einerseits eine Serie von Fallbeispielen, deren Ungenauigkeiten und Fehler der Autor durch vorbildliche Quellenkritik vorführt, und andererseits einige Ausflüge in die Welt der Neurowissenschaften, die als pure Informationen für den aufgeschlossenen Leser einen Überblick über den Stand der modernen Neurowissenschaften geben, aber keine Operationalisierung dieses Wissens für die Geschichtswissenschaft anbieten. Die Übertragung bzw. Verquickung der qualitativ arbeitenden Geisteswissenschaft mit einer rein quantitativ arbeitenden Wissenschaft wie der Mathematik , die der Autor anbietet, würde letztendlich zur Aufgabe der argumentierenden hermeneutischen Methode führen und durch eine eindimensionale, weil allein quantitativ ausgerichteten Sammlung von Daten ersetzt werden, in deren Flut jeder Historiker ohne den Kompass seines Erkenntniszieles und der danach ausgerichteten Selektion ertrinken würde. Unwillkürlich fragt man sich als Leser, warum eine derartige Forderungen gerade von einem Historiker stammen, der in seinen bisherigen Werken und gerade in diesem Buch die weit reichenden Möglichkeiten der hermeneutischen Methode meisterhaft vorführt.
Fried, Johannes. Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik. München: C. H. Beck, 2004. 509 S., geb., 39, 90 Euro. ISBN 3406522114 Inhaltsverzeichnis I. Vier Fälle 13
1.1 Einleitung : Wahrnehmung, Erinnerung, Wissen und Wirklichkeit 13
1.2 Der erste Fall : Ein Präsidentenberater 22
1.3 Der zweite Fall : Ein Physiker 25
1.4 Der dritte Fall : Ein Philosoph im kulturellen Leben 32
1.5 Der vierte Fall : Ein Fürst 36
1.6 Konsequenzen : Irritation der Wirklichkeit durch Erinnerung 46
1.7 Primäre und sekundäre Verformungsfaktoren des Gedächtnisses 49
II. Das Schweigen der Forschung : Die Mediävistik als Beispiel 57
III. Neurokulturelle Grundlagen der Geschichtswissenschaft 80
3.1 Gedächtnistypen 80
3.2 Vom Individuum zum Kollektiv : Kulturelle Transmission des Wissens 83
3.3 Ethologie und kognitive Verhaltensforschung 86
3.4 Ein kurzer Blick in die Evolution des Gedächtnisses 95
3.5 Experimentelle Gedächtnispsychologie 100
3.5.1 Wahrnehmung und Bewusstsein 100 3.5.2 Die Wirklichkeit William Sterns 104 3.5.3 Psychische Konditionierung der Erinnerungen 107 3.6 Einsichten durch Neurobiologie und Neuropsychologie 116
3.6.1 Zur Vorgeschichte der Fragestellung 116 3.6.2 Neuronale Grundlagen des Gedächtnisses 118 3.6.3 Reiz- ( Informations-) Verarbeitung des Hirns und neuronale Netze 121 3.6.4 Die Arbeitsweise des Gedächtnisses 123 3.7 Sprache als Stabilisator der Erinnerung 128
3.8 Wirklichkeit und Sprache 132
3.9 Gedächtnis als konstruktiver Prozess 135
3.10 Die Wahrnehmung - ein Erinnerungsprozess 140
3.11 Neurokulturelle Gedächtnisforschung 143
3.12 Ergebnisse und Folgerungen für die geschichtswissenschaftliche Praxis 146
IV. Zwischen Hirn und Geschichte: Implantierte Erinnerungen 153
4.1 Scheinrealitäten in der Geschichte des kulturellen Gedächtnisses 153
4.1.1 Venedigs Sieg über Barbarossa 157 4.1.2 Karl der Große: ein heiliger Kaiser? 166 4.2 Die schwierige Suche nach erinnerter Wirklichkeit 169
V. Wie zuverlässig sind Erinnerungen? Das Mittelalter als Untersuchungsfeld 173
5.1 Die Erinnerungsfähigkeit von Prozesszeugen 173
5.1.1 Der Grenzstein von Marzano 176 5.1.2 Ein Streit um das Val di Lago di Bolsena 178 5.1.3 Der Prozeß um die Grafschaft im Val Blenio 183 5.2 Die Erinnerungsfähigkeiten der Verwandten 186
5.2.1 Dhuoda 186 5.2.2 Thietmar von Merseburg 188 5.2.3 Hermann der Lahme 190 5.2.4 Fulco von Anjou 191 5.2.5 Lambert von Watterlos 195 5.3 Die Irrwege der Erinnerung setzen der Erkenntnis Grenzen 197
VI. Das Gedächtnis mündlicher Kulturen I: Erfahrungen der Ethnologie 201
6.1 Unberechtigte geschichtswissenschaftliche Skepsis gegenüber der Ethnologie 202
6.2 Ein Streit um die Knochen: Die Missdeutung des Neandertalers 205
6.3 Überschreibungen in den Erinnerungen schriftloser Kulturen 208
6.4 Interkulturelle Vergleiche 212
6.5 Strukturelle Amnesie 214
6.6 Traditionen werden erfunden 218
6.7 Stabilisatoren des Gedächtnisses 218
VII. Das Gedächtnis mündlicher Kulturen II: Erfahrungen der Mediävistik 223
7.1 Die Spur der Gedächtnismodulation in historischen Quellen 223
7.2 Die Entdeckung der Mündlichkeit 227
7.3 Spurensuche im Reich der Mündlichkeit: Die "Germania" des Tacitus 232
7.4 Das Gedächtnis zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit 237
7.4.1 "Lügenfeld": Ritual statt Schrift 239 7.4.2 Königssalbung: Überschreibungen im kulturellen Gedächtnis 242 7.4.3 Die Herkunft der Langobarden: Teleskopie in Aktion 244 7.4.4 "Chiavenna": Ein inversives Implantat? 252 7.5 Wie weit reichen mündliche Traditionen in die Vergangenheit zurück 255
7.5.1 "Sagen" 255 7.5.2 Die Amaler-Genealogie auf dem Prüfstein 259 7.5.3 Die Formbarkeit des Herkunftswissens im frühen Mittelalter 267 7.6 Das endlose Fließen mündlicher und schriftlicher Überlieferung im Mittelalter 289
VIII. Stabilisierungsstrategien von Erinnerungskulturen und deren Grenzen 292
8.1 Stabilisierung mündlicher Erinnerung durch die Sprache 292
8.2 Grenzen sprachlicher Stabilisierung: Zum Beispiel die irischen "filid" 293
8.3 Textstabile und textvariable Überlieferung 298
8.4 Autoritatives Gedächtnis 300
8.5 Kanonbildung 302
8.5.1 "Machet einen Zaun um das Gesetz": Kanon, institutionalisierte Lehre, Gedächtnis 302 8.5.2 Moderne Bibelkritik 306 8.5.3 Das Vergessen des Nicht-Kanonisierten 311 8.6 Die Schrift als modulationsbereiter Stabilisator der Erinnerung 313
8.7 Sophistik, Rhetorik, logisches Denken 317
8.8 Die Anfänge der Geschichtsschreibung 321
8.9 Nur eine begrenzte Leistungskraft des Gedächtnis-Stabilisatoren 330
IX. Gedächtnis in der Kritik: Chlodwigs Taufe und Benedikts Leben 333
9.1 Chlodwigs Taufe 335
9.2 Wer war Benedikt von Nursia 344
9.3 Resümee 356
X. Memorik: Grundzüge einer geschichtswissenschaftlichen Gedächtniskritik 358
10.1 Auch Historiker vergessen 358
10.2 Die Kulturwissenschaften sind auf interdisziplinäre Gedächtnisforschung angewiesen 362
10.3 Lassen sich Fehlleistungen des Gedächtnisses korrigieren 367
10.3.1 Der Anfangsverdacht gegen Erinnerungszeugnisse 367 10.3.2 Erste methodische Postulate 372 10.3.3 Kalkulation der Gedächtnismodulation 380 10.4 Erkenntnisgewinn durch Gedächtniskritik 385
Anhang 395
Anmerkungen 397
Abkürzungsverzeichnis 443
Bibliographie 444
Register der Personen, Völker und mythischen Gestalten 501
Register der Orte 507