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News-Board-Eintrag:
Stadtgeschichten: Vom urbanen Leben in den Megalopolen der Welt

News-Kategorie:
Eingestellt von: Angela Harter
Eingestellt am: 20.03.2012


Michael Schindhelm vor der Skyline von Dubai. ©Aurore Belkin

Michael Schindhelm hielt auf Einladung des ZMI und des GCSC im Januar einen Vortrag und eine Master Class zur Zukunft städtischen Lebens und urbaner Kultur im 21. Jahrhundert.

„Was ist die Stadt wohl als das Volk?“, fragt Shakespeare im Coriolanus. Betrachtet man die urbane Architektur unserer Tage, so ist diese mehr als 400 Jahre alte Frage aktueller denn je. Seit mehr als 15 Jahren wird bei der Planung westlicher Städte immer mehr auf das technologisch Machbare und immer weniger auf das Leben der Menschen geschaut. ‚Kultur‘ gilt den Technokraten dieser Welt bestenfalls als dekoratives Beiwerk, das sich architektonischen Großentwürfen unterzuordnen hat.

Diesen Denkfehler zu revidieren ist eines der Hauptanliegen des Kulturmanagers und Buchautors Michael Schindhelm. In seinem von ZMI und GCSC gemeinsam veranstalteten Vortrag „Culture in the City. Contemporary Narratives (Dubai, Hongkong, Skolkovo)” am 31. Januar am GCSC geißelte er eine Stadtplanung und Architektur, die sich ausschließlich mit der ‚Hardware‘ der Stadt, ihrer Infrastruktur, beschäftigt und dieser die ‚Software‘, also das Leben der Menschen und ihre Kultur, weitgehend unterordnet. Am Nachmittag traf sich Schindhelm zum Gedankenaustausch mit Prof. Henning Lobin, Prof. Katrin Lehnen, Sabine Heymann, Prof. Greta Olson und Prof. Uwe Wirth in der ZMI-Lounge (Foto links). Am Folgetag bot Schindhelm zudem eine Master Class für interessierte Doktorandinnen und Doktoranden des GCSC an, bei der die Erkenntnisse des Vortrages vertieft wurden. 
 
Wer nach dem urbanen Leben fragt, fragt nach einem Gegenstand, der von eminenter Wichtigkeit für unsere Zukunft ist. Am Ende des 21. Jahrhunderts, so Schindhelm, wird ein Großteil der dann voraussichtlich 10,1 Milliarden Menschen umfassenden Weltbevölkerung in Städten leben. Dieser Trend zeichnet sich schon heute ab. Im Zuge dieser Entwicklungen bedeutet ‚Kultur‘ in zunehmendem Maße urbane Kultur. Ländliche Kulturen dagegen sind auf dem Rückzug oder im Aussterben begriffen.

Durch die Geschwindigkeit städtischen Wachstums, bedingt auch durch die wirtschaftliche Globalisierung und die neuen Möglichkeiten vernetzter Kommunikation, ist unser Bild der ‚Stadt‘ einem tiefgreifenden Wandel unterworfen. In Zukunft wird es nicht nur immer mehr Großstädte im herkömmlichen Maßstab geben, sondern gewaltige ‚Megacities‘, die alle Dimensionen dessen sprengen werden, was wir bisher als ‚Stadt‘ bezeichnen. So lässt sich Hongkong schon heute kaum noch auf das urbane Zentrum mit seinen sieben Millionen Einwohnern begrenzen: Die Stadt ist inzwischen zu einer Metropolregion mit einer Einwohnerzahl von mehr als 50 Millionen Menschen angewachsen.

Bevölkerungszahlen sagen natürlich noch nichts über Lebensqualität aus. In diesem Zusammenhang überraschend war eine Statistik Schindhelms, bei der die Budgets verschiedener Städte für Kulturausgaben in ein Verhältnis zur Bevölkerungszahl gesetzt wurden. Dann nämlich überragt z.B. Stuttgart, was die Kulturausgaben betrifft, die deutsche Kulturhauptstadt Berlin um Längen. Doch nicht nur im nationalen Vergleich schneidet die Schwabenmetropole überdurchschnittlich gut ab: Auch Shanghai, Singapur und sogar New York sind gegenüber der kleinen Stadt am Neckar weit abgeschlagen.

Als Kulturmanager und -berater war Michael Schindhelm für die Planung und Ausführung kultureller Großprojekte in Hongkong, Dubai und dem bei Moskau gelegenen Skolkovo verantwortlich. Was diese Projekte bei aller Unterschiedlichkeit verbindet, ist die Abweichung von allgemeinen westlichen Standards, um den Gegebenheiten und Bedürfnissen vor Ort besser entsprechen zu können. Schindhelms Methode ist dabei ebenso einfach wie bestechend. Wie ein Ethnologe wandelt er als teilnehmender Beobachter durch fremde Städte, um herauszufinden, wie dort Öffentlichkeit funktioniert, woraus sie sich zusammensetzt: Was darf man öffentlich tun und sagen, was nicht? Was sind gängige Gepflogenheiten und Sitten? Wo liegen Tabus? Auf der Grundlage der Ergebnisse seiner Feldforschung entwickelt er dann konkrete Vorhaben.

So bei seinem „Masterplan“ für den Bau eines kulturellen Megakomplexes in Hongkong, der u. a. 15 Bühnen, ein Museum und ein Ausstellungszentrum umfasst. Ein wichtiges Vorbild war die Architektur traditionell kantonesischer Dörfer, von denen es zwischen den dicht besiedelten Hochhausvierteln und Autobahnzubringern Hongkongs noch immer einige gibt. Wie man an dem Beispiel sehen kann, geht es Schindhelm ausdrücklich nicht um das Überstülpen bereits vorhandener westlicher Kulturstandards auf fremde Kulturen, sondern darum, Angebote zu schaffen, um mit den Mitteln der Architektur eine Öffnung des öffentlichen Raumes zu Gemeinschaftsstrukturen zu erreichen. Städte, so sein Wunsch, sollen auf diese Weise in eine Kommunikation mit sich selbst eintreten.

„Dubai bildet die Welt ab.“ Damit meint Schindhelm nicht oder zumindest nicht nur solch ambitionierte Bauvorhaben wie die künstliche Inselgruppe „The World“, die zurzeit im Emirat entsteht und die zusammen eine Weltkarte repräsentiert. Mit seiner Aussage bezieht er sich vielmehr auf die Menschen, die in Dubai leben: Mehr als 90% der Bevölkerung sind Einwanderer. Nur jeder Zehnte hat somit emiratische Wurzeln. Das Leben mit Einwanderern hat in Dubai eine lange Tradition. Für die Beduinen, die diese Weltregion ursprünglich bewohnten, waren Gastfreundschaft und friedfertige Kooperation Grundvoraussetzungen, um dem harten Leben in der Wüste zu trotzen. Nicht der Mitmensch, sondern die Natur war der Feind. Vor diesem Hintergrund versteht Schindhelm gerade Dubai als eine Modellstadt der Zukunft. Die Stadt ist ein wahrer Schmelztiegel, an dem man erforschen kann, wie Menschen aus unterschiedlichsten Nationen friedlich zusammenleben und ihre kulturellen Eigenheiten bewahren können.

Die Offenheit und Toleranz der Vereinigten Arabischen Emirate stellt in Schindhelms Augen einen einmaligen Sonderfall für den Mittleren Osten dar. Nicht zuletzt deswegen gilt das Land vielen Menschen in der arabischen Welt als Lichtblick: Sie kommen hierher, um jene individuelle und kulturelle Freiheit zu finden, die ihnen in ihren Heimatländern verwehrt wird. Dabei verschweigt Schindhelm nicht die Schattenseiten Dubais: So ist die Diskriminierung indischer Gastarbeiter, deren Arbeitskraft zu Billiglöhnen auf den zahlreichen Baustellen ausgebeutet wird, an der Tagesordnung. Auch handelt es sich bei den Vereinigten Arabischen Emiraten um keine Demokratie nach westlichem Vorbild.

Allerdings appelliert Michael Schindhelm an die Anwesenden, diese Fakten nicht nur vom eigenen Standpunkt aus, sondern auch im lokalen Kontext zu deuten. Gerade in Deutschland dürfe man nicht vergessen, dass man einen im globalen Vergleich überdurchschnittlichen Lebensstandard genieße, der für andere Länder keineswegs selbstverständlich sei. Zwar ließe sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten noch Vieles verbessern; andererseits müsse man die bereits umgesetzten gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritte honorieren. Schindhelm zufolge erkläre gerade dieser Umstand, warum es in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Katar während des ‚Arabischen Frühlings‘ nicht zu Aufständen gekommen sei.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die Welt somit nicht zu einer kapitalistischen Weltgesellschaft zusammengewachsen, wie das noch Anfang der 1990er Jahre durch den US-amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama und andere angenommen wurde. Stattdessen, so Schindhelms Fazit, leben wir in einer zunehmend multipolaren Weltordnung mit mehreren globalen Zentren. Eine der wesentlichen Herausforderungen der Zukunft bestehe darin, schon heute entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, damit beim zu erwartenden Wachstum der Städte ein qualitativ hochwertiges Leben möglich bleibt. Die von Schindhelm vorgestellten Städte sind – bei all ihren Extremen –als Beispiele für Trends zu sehen, mit denen auch die Menschen im Westen zunehmend konfrontiert sein werden. Folglich gilt: Wer nach Hongkong, Dubai und Skolkovo blickt, blickt – wenigstens ein Stück weit – in die eigene Zukunft.

Text: Michael Conrad
Fotos: ZMI